Es ist Dienstagabend, gerade einmal fuenf Minuten nach halb elf. Meine Mitbewohner sind schon vor mehr als einer halben Stunde ins Bett gegangen. Nur ich kann nicht schlafen, ich hab' es wieder. Ich hab' nur noch kein Wort dafuer. Ich erinner mich nicht daran, wann ich es zum ersten Mal fuehlte, es mag schon Jahre zurueckliegen. In den letzten zwoelf Monaten hatte ich es so viele Male. Dieses Gefuehl. Es hat mich schweben lassen, es hat mich zu Boden gezerrt und es hat mich neu aufleben lassen. Das Gefuehl vergehender Zeit.
Zeit ist geraeuschlos, unsichtbar, unantastbar, unbegreiflich. Wir benennen sie, wir teilen sie ein in Jahre, Tage, Stunden, in dem vergeblichen Versuch sie dadurch greifbarer zu machen. Sie ist unumkehrbar, unaufhaltsam, unerbittlich. Eine sanfte Gewalt.
Es ist nahezu eine Stunde vergangen seitdem ich begonnen habe zu schreiben, das fuehle ich nicht, das sagt mir die Anzeige meines Laptops. Gerade kann ich es wieder einmal nicht fassen, wie konnte die Zeit so vergehen? Ist das ueberhaupt das richtige Wort "vergehen", fliesst die Zeit nicht eher? Mir gefaellt die Metapher des Flusses. Aber hat nicht jeder Fluss einen Ursprung? Wo beginnt die Zeit und wo endet sie?
Jetzt- Das ist Mittwoch, ca. viertel nach fuenf und ich bin schon wieder wie besessen, eigentlich sollte ich mein Fitnessprogramm durchziehen, aber in mir spuere ich diese Unruhe. Seit Wochen tragen ich mich mit diesen Gedanken. Zeit- das ist Physik, Philosophie, Psychologie. Lange galt in der Physik Isaac Newtons Annahme der "absoluten Zeit", die noch heute unserem deutschem Alltagsverstaendnis zugrunde liegt: "Die absolute, wahre und mathematische Zeit verfliesst an sich und vermoege ihrer Natur gleichfoermig und ohne Beziehung auf irgendeinen aeusseren Gegenstand." Gleichfoermig? Ohne Bezug auf aeussere Gegenstaende? Etwas in mir straeubt sich dagegen. Es gibt Abschnitte meines Aufenthalts hier die scheinen nicht zu enden, und doch ist es nur das was wir einen einzigen Tag nennen. Es gibt Ereignisse, ich blinzle, und mein Kalender teilt mir mit, es sei eine Woche vergangen. Wie soll das "absolut", wie soll das "gleichfoermig" sein? Nicht umsonst stattet die deutsche Sprache uns mit den wunderschoenen Worten "kurzweilig" und "langweilig" aus. Zeitempfinden ist subjektiv, Zeitmessung ist objektiv und die Zeit selbst?
Jetzt haeng' ich fest, im Kopf habe ich das Bild einer undurchdringlichen, wabernden Substanz, undurchdringlich und doch nicht zu beruehren... so komme ich nicht weiter, ich blaetter durch eine der "SPIEGEL"-Ausgaben die auf unserem Wohnzimmertisch liegen. Ich stosse auf einen Artikel, der mit einem Foto versehen ist. Gezeigt wird die Tafel eines Klassenzimmers mit dem Anschrieb: "Zeit ist/bringt Geld" Als waer die Thematik nicht schon kompliziert genug, nun kommt auch noch "Zeit" als Wirtschaftsgut hinzu. Was mir dieser Satz aber vor allem bewusst macht ist, dass Zeitverstaendnis kulturell bedingt ist. In Deutschland scheint mir das Verstaendnis der "absoluten Zeit" zu gelten, sie macht Zeit zu etwas Transzendentem. Die Zeit scheint losgeloest vom Individuum zu sein, ihm uebergeordne, parallel zu existieren als gaebe es irgendwo eine gigantische Uhr, die tickt, die Abhaengigkeit schafft. Bedeutet diese Vorstellung, dass mir Zeit zugesprochen wird. Kommt daher vielleicht die Formulierung "man solle keine Zeit verlieren"?
Oder doch eher von der Vorstellung, dass "Dasein" durch Entscheidungen beeinflusst wird, jegliche Entscheidungsspielraeume jedoch aufgrund des unweigerlichen Todes endlich sind. Der Mensch rechnet mit Zeit, weil er im Wissen um seine Endlichkeit fuer sich und andere sorgt. Gilt es deshalb "keine Zeit zu verlieren"? Und schon wieder verheddere ich mich, in diesem Wirrwarr von Zeit, Zeitempfinden und Zeitverstaendnis. Ich lasse meine Augen ueber unsere Wohnzimmerwaende schweifen, da stehen viele Sprueche von uns, fast alle haben einen zeitlichen Aspekt. Da steht "Lieber spaet als nie" und "Abwarten, Tee trinken", mein Blick bleibt haengen. Ich laechle. An unserer Wand steht "Zeit ist relativ".
Seit Einsteins Relativitaetstheorie liegt fuer viele Physiker der Ursprung der Zeit im Urknall. Zeit, Raum, Materie, Gravitationsfelder alles steht in Relation mit und zu einander. Alles ist relativ. Von Newtons "absoluter Zeit" kann folglich keine Rede sein. Ist der Urknall also der Quellort des Stroms der Zeit? Kann ich Stromschnellen schaffen? Daemme bauen? Das Flussbett erweitern damit sie traeger dahin fliesst?
Es ist der Abschnitt in der Woche, den wir Donnerstag nennen, seit wenigen Wochen ist es kuehler und regnet mehr, ich bin erkaeltet. Ich mache wieder kein Fitnessprogramm, dafuer habe ich Zeit zu schreiben. Interessante Formulierung, oder? Hatte ich die Zeit vorher etwa nicht? Habe ich sie etwa dazu gewonnen? Ich habe mich doch lediglich entschieden meine Zeit anders zu nutzen. Ich komme wieder zur Relativitaetstheorie. Da ist von einer Eigenzeit die Rede. Das gefaellt mir, die Zeit durchdringt mich, ist Teil von mir, nichts Transzendentes (obwohl, sagt man nicht Gott lebt in uns allen? Das wuerde jetzt doch zu weit weg fuehren). Wenn Zeit ein Teil meines Seins ist, selbst wenn es nur ein Produkt meines Bewusstseins ist, dann kann ich keine Zeit verlieren, denn das bedeutete einen Teil meiner Selbst zu verlieren. Ich kann Zeit verschwenden, aber nicht verlieren.
Ich habe heute mal wieder viel ueber die deutsche Sprache nachgedacht. Es gibt faszinierende Formulierungen im Hinblick auf Zeit. Dabei ist mir aufgefallen, dass viele davon stark mit unseren Kulturvorstellungen korrelieren . "Ich hatte keine Zeit", "Zeit ist Geld", "Ich nehme mir die Zeit", darin sehe ich das Verstaendnis der "absoluten Zeit", das Verstaendnis der Zeit als einen oekonomischen Wert, der wiederum Abhaengigkeit schafft. In Ghana (so scheint es zumindest mir) wird Zeit anders aufgefasst und folglich auch anders mit ihr umgegangen. Ich sitze in einem Sessel unseres Wohnzimmers, erinnere mich an unzaehlige Trotro-Fahrten bei denen ich auf weitere Fahrgaeste wartete. Jetzt, in diesem Moment, der bereits beim Schreiben der Worte von Gegenwart zu Vergangenheit wurde, meine ich zu verstehen, warum Ghanaer kein Problem hatten so viel Zeit mit Warten zu verbringen. In ihnen scheint die Idee der Eigenzeit tief verankert zu sein, sie sind nicht abhaengig von einer "absoluten" uebergeordneten Zeit. Zeit als etwas Eigenstaendiges ist fuer sie wahrscheinlich ein befremdlicher Gedanke. Sie haben keine Zeit beim Warten verloren, denn sie ist ja Teil von ihnen.
Auf dem Weg nach Ankukrom aus dem Fenster des Trotros sehe ich die Mitarbeiter unseres Wohnkomplexes gemeinsam im Wachhaus des Eingangstor sitzen, sich unterhalten, palavern. Drei einhalb Stunden spaeter bei Rueckfahrt sehe ich sie noch immer (oder vielleicht schon wieder) dort sitzen. Ich frage mich, wie haben sie die Stunden, die Zeit genutzt? "Zeit nutzen" auch so eine schoene Formulierung. Doch damit halte ich mich nicht auf. Meine Gedanken springen weiter. Wie sollte man seine Zeit nutzen? Auf diese scheinbar komplexe Frage meine ich eine erstaunlich simple Antwort zu finden: Jeder sollte seine Zeit so nutzen, dass er gluecklich ist. Wenn das bedeutet, taeglich fuer Stunden mit anderen zusammen zu sitzen und zu palavern, gut. So lange es mir frei steht meine Zeit nach meinem Willen zu nutzen, denn Palavern wuerde mich nicht gluecklich machen. So wie ich den Gedanken vollende, kommt mir das Wort Prioritaet in den Sinn- "Zeit" ist untrennbar mit dem Begriff Prioritaeten verbunden, diese wiederum sind kulturell bedingt. In einer eher kollektivistischen, phlegmatischen Gesellschaft hat das Gemeinsame Vorrang, zusammen sitzen, gemeinsam palavern, in einer eher individualistischen, leistungsorientierten Gesellschaft herrscht die Vorstellung Zeit effektiv, effizient, produktiv zu nutzen. Bevor ich die Maenner vom Tor aus den Augen verliere, schleicht ein weiterer Gedanke in mein Bewusstsein. Was weiss ich denn, worueber die Maenner diskutieren, es koennte vom letzten Fussballspieltag ueber die politische Agenda bis zu einem philosophischen Diskurs ueber die Zeit selbst einfach alles sein. Haetten sie ihre Zeit dann etwa nicht effektiv genutzt? Ich steige aus dem Trotro, mir wirbeln Ideen, Gedankenfetzen durch den Kopf. Zurueck im Haus faellt mir Spruch an unserer Wand in die Augen, da steht "Carpe diem".
Jetzt- Das ist Freitagabend. Kurz nach halb elf. Erneut kreisen meine Gedanken um Zeit, aber auch um Worte, um Zeitworte. "Zeit totschlagen" und "Zeitvertreib", zwei Formulierungen derer ich vor zwoelf Monaten kaum gedacht, ganz zu schweigen grosse Beachtung habe zukommen lassen. Wie sich doch die Zeiten aendern. (Ihr seht ich habe grossen Gefallen an Zeitworten gefunden) Aber zurueck zum Vertreiben und Totschlagen. Nach meinen vorangegangen Ueberlegungen sollte ich eigentlich zum Schluss kommen, dass bedingt durch die allgemeine Endlichkeit, ich jeden Augenblick, jeden Moment, jeden Zeitabschnitt, mag es Sekunde oder Stunde sein, hochschaetzen und auskosten sollte. Da erscheint mir der martialische Ausdruck des "Zeit-Totschlages" doch gerade zu ketzerisch, ebenso der des "Zeitvertreibs", auch wenn dieser immerhin nicht martialisch ist. Gleichzeitig (ich hab' wirklich Freude daran) entsinne ich mich aber der unzaehligen Situationen, in denen ich hier wartend wohl genau das getan habe, "Zeit totgeschlagen". Wie sollte ich diese Momente, denn schaetzen, geniessen, auskosten? In mir regt sich was... da war doch was. Ich steh' vor einer gedanklichen Wand. Ich schau an die tatsaechliche, sichtbare Wand. "Zeit ist relativ". Das war's. Ich brauche diese Momente nicht zu schaetzen, auszukosten, zu geniessen. Ich habe die Kontrolle, ich kann sie verfliegen lassen, ich kann Stromschnellen schaffen. Buendel ich meine Gedanken, meine Aufmerksamkeit, meine Taetigkeit auf etwas, das mir Freude bereitet, das schoen ist, das aufregend ist, so wird aus einem nicht endenwollenden Warten eine kurzweilige Angelegenheit. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass es nicht moeglich ist das Flussbett zu erweitern ohne Langeweile zu schaffen. Schoene Momente sind zwangsweise kurzweilig und lassen sich nicht in die Laenge ziehen.
Jetzt- Das ist Montag. Soeben habe ich in Camus "Die Pest" folgende Worte gelesen, die wunderbar zu meinen Ueberlegungen wenige Tage zuvor passen: "Frage: was tun, um seine Zeit nicht zu verlieren? Antwort: sie in ihrer ganzen Laenge auskosten. Mittel: tagelang auf einem unbequemen Stuhl im Wartezimmer eines Zahnarztes sitzen; den Sonntagnachmittag auf seinem Balkon verbringen; Vortraege anhoeren in einer Sprache, die man nicht versteht; in der Eisenbahn die laengsten und umstaendlichsten Strecken fahren, selbstverstaendlich stehend; am Vorverkaufsschalter eines Theatersschlange stehen und keine Karte loesen usw. usw." Mag die Zeit auch nicht verloren sein, derer man eindruecklich bewusst ist, die man traege dahin troepfeln spuert, weil sie sich nicht in Aufregendem verfluechtigt, sich nicht im Schoenen verliert, so ist sie doch verschwendet. Was Camus' Tarrou "nicht verlieren" sogar "auskosten" der Zeit nennt, empfinde ich als Zeitverschwendung. Auf Tarrous Weise mag man das Flussbett erweitern, aber eine solche Dehnung der Zeit widerspricht meinem inneren Drang, ich ziehe das Kurzweilige, das Aufregende, das Schoene vor. Die Stromschnellen.
Die Kopflehne meines Sessels reibt an der Wand. Ich stehe auf, um den Sessel zurechtzuruecken. Der Spruch an dieser Wandstelle ist ein wenig verwischt, aber fuer mich dennoch seit kurzem klarer als zuvor: "Der Tag ist das, was man daraus macht".
Heute: Das ist 30 Tage vor Heimkehr. 30 Tage, die eine kleine Ewigkeit oder ein Blinzeln in einer Stromschnelle sein koennen.
Letztlich ist es relativ.
Freitag, 25. Juni 2010
Dienstag, 15. Juni 2010
"Ghana vs. Afrika" oder "Die Panafrikanische Idee"
Ich sitze im Trotro, wie lange wir wohl noch auf weitere Fahrgaeste warten muessen, in meinen Haenden liegt mein kleines Buechlein, unbeholfen versuche ich meine Gedanken ueber Zeit und Zeitempfinden festzuhalten, aber es will mir heute einfach nicht gelingen. Ein Stimme dringt zu mir durch, ein Mann steht mitten vor der offenen Schiebetuer des Trotros und ruft: "Obroni in Ghana! Obroni in Westafrica!" Aus dem Gewirr von Verkaeufern tritt ein zweiter hinzu und schreit: "Obroni in Africa!" Auf mein Laecheln folgt die unvermeidliche Frage, wie es mir hier gefalle in Ghana, in Afrika. Ich loese mich von meinen Zeitgedanken und erwidere, Ghana sei sehr schoen, nur ueber Afrika als Ganzes koenne ich nichts sagen. Mit unglaeubigen Erstaunen, ruft mein Gespraechspartner einen Satz, den ich nur zu gut aus Begegnungen hier in Ghana kenne,: "This is Africa!" Drei Worte, die mich einmal mehr in tiefes Gruebeln verfallen lassen.
Ich denke an mein Vorbereitungsseminar, Dank dessen ich in nahezu allen Blogeintraegen hyper-sensibilisiert und politisch korrekt gewesen bin (oder es zumindest versucht habe). Ich denke daran, dass ich ein bestimmtes Wort nur zwei Mal in meinen bisherigen 38 Eintraegen verwendete: "Afrika". Erstaunlich, oder? Schliesslich bin ich doch in Ghana, einem afrikanischem Land. Warum also habe ich so selten "Afrika" geschrieben, ganz einfach: Beim Vorbereitungsseminar wurden wir Freiwilligen alle mehrfach, fast schon bis zum Erbrechen, sensibilisiert und ermahnt, dass wir nicht verallgemeinern sollen (niemals!), dass wir betonen sollen, dass wir Erfahrungen in Ghana sammeln und deshalb die Nutzung des Begriffs "Afrika" vermeiden sollen, weil dadurch das in westlichen Medien so oft bemuehte Bild eines kohaerenten Afrikas verfestigt wird und man damit nur zu Stereotypisierung beitraegt, und eines der Ziel unseres Freiwilligenjahres ist es doch Vorurteile durch persoenliche Erfahrungen abzubauen. Ganz dem hehren Ziel des Freiwilligendienstes ergeben, vermied ich also die Nutzung des Wortes "Afrika" und betonte stets Ghana.
Nun sitze ich im Trotro, mir erklingen wieder die Ermahnungen der Tutorin:
"Afrika", das Wort allein ruft durch die Auswahl und Berichterstattung der deutschen und westlichen Medien negative Assoziationen hervor. Das ist ein Relikt der Kolonialzeit, in der sich nicht die Muehe gemacht wurde die Laender zu nennen, denn es war ja nur "Afrika". Macht immer deutlich, dass Ihr in Ghana seid, dass daraus keine Schluesse auf andere afrikanische Staaten gezogen werden koennen.
Noch waehrend die Worte in mir verklingen, regen sich gegensaetzliche Erinnerungen: Buchpassagen ueber die Erfahrungen einer Somalierin, die alltaegliche Szenen beschreibt, die mir seltsam vertraut erscheinen, bloss bin ich doch in Ghana und nicht Somalia. Buchpassagen eines Anthropologen aus Kamerun, der scheinbar auch Erlebnisse mit mir geteilt hat. Kapuscinski, der in "Afrikanisches Fieber" so viele kleine wohl bekannte Begebenheiten schildert.
Und vor allem Ghanaer, die jede afrikanische Fussballmannschaft bejubeln, ausser die nigerianische, aber dazu spaeter mehr. Ghanaer, die sich kaum kennen, aber mit 'Bruder' oder 'Schwester' ansprechen, und immer wieder die an mich gestellte Frage, wie es mir in Afrika gefalle.
Es reift in mir also der Gedanke, vielleicht gibt es da etwas, das Ghanaer mit anderen afrikanischen Laendern verbindet, vielleicht gibt es da etwas das den ganzen Kontinent eint. Vielleicht ist das die Panafrikanische Idee? Aber es reift auch die Frage, wie stark ist dieser Panafrikanismus?
Es gibt die panafrikanischen Farben (rot, gruen, gelb), die in den verschiedenen afrikanischen Nationalflaggen dominieren und von deren Sportlern stets bei jeder Gelegenheit mit grossem Patriotismus praesentiert werden. Die vor wenigen Tagen begonnene Fussballweltmeisterschaft in Suedafrika wurde mit Spannung erwartet, denn es ist eine gefuehlte Heim-WM fuer alle Afrikaner. In Fernsehberichten sehe ich afrikanische Fans, die es als selbstverstaendlich ansehen jede afrikanische Mannschaft zu unterstuetzen, es sei doch schliesslich eine afrikanische WM. Es ist dieser Einheitsgeist, der Ghanaer jubeln laesst, wenn Suedafrika die erste WM auf dem afrikanischen Kontinent gegen Mexiko eroeffnet, wenn die Elfenbeinkueste gegen Portugal antritt und wenn Kameruns Spieler zum ersten Mal den Ball beruehren. Zweifellos wird die eigenen Nation am staerksten unterstuetzt, aber sollte diese ausscheiden, und eine afrikanische Mannschaft vielversprechend aufspielen, so wird sie mit der Unterstuetzung des Kontinents rechnen koennen.
Doch auch neben den umjubelten Fussballspielern, den Essien, Mikels, Drogbas gibt es panafrikanische Idole abseits des Fussballplatzes. Alte wie Robert Mugabe (der einst ein Hoffnungstraeger des gerade in die Unabhaengigkeit entlassenen Kontinents war) und Kwame Nkrumah, sowie scheinbar zeitlose wie Nelson Mandela. Verdiente Maenner des Kampfes gegen die Unterdrueckung. Ein Kampf der den Kontinent, die Nationen, die Voelker, so scheint mir, hat naeher zusammenruecken lassen. Ist der Panafrikanische Gedanke also auch so stark, weil es den gemeinsamen Feind gab?
Dass die Panafrikanische Idee lebendig, stark und nahezu allgegenwaertig ist habe ich bei unserer Reise durch Togo und Benin gespuert. Die Menschen sprechen oft und viel ueber Afrika, ueber die Zukunft und die Rolle Afrikas. Dabei wird ein bewundernswertes Gefuehl der Gemeinsamkeit, Geschlossenheit und Einheit vermittelt, von dem wir in Europa, das wurde in der Diskussion um die Griechenland-Rettung ueberdeutlich, noch weit entfernt sind.
Auch die Afrikanische Union ist ein Beispiel der Staerke des Panafrikanischen Gedankens. Diese wurde bereits 1961 durch die neuen Staatsoberhaeupter, der damaligen so frisch von der Unabhaengigkeitswelle erfassten afrikanischen Laender, gegruendet. Vier Jahre zuvor hatte es gerade einmal einen Zusammenschluss der Benelux-Staaten, Frankreichs, Italiens und Deutschland zur Europaeischen Wirtschaft Gemeinschaft gegeben, der erste Schritt zur Europaeischen Union, die erst 1993 ganze 32 Jahre nach der Afrikanischen Union erschaffen wurde.
Bei alle dem darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch der Panafrikanismus seine Grenzen hat und es sich als sehr fragiles Gebilde erweisen kann. Nigeria und Nigerianer bspw. sind fuer viele Ghanaer ein Aergernis. Nigeria war einst Hoffnungstraeger der afrikanischen Westkueste gewesen, der bevoelkerungs- und erdoelreichste Staat Westafrikas, zog Wirtschaftsmigranten aus der gesamten Region an. Doch dann versank das Land in Buergerkriegen und Oel-Skandalen. Aus der Wirtschaftshoffnung wurde ein Problemfall und seit einigen Jahren findet eine verstaerkte Emigration nigerianischer Buerger statt. Aufgrund der positiven Entwicklungen der letzten Jahre ist Ghana als aufstrebender Wirtschaftstraeger ein wahrer Migrationsmagnet. Viele Nigerianer insbesondere in Accra sehen sich gezwungen im informellen Sektor zu arbeiten oder gaenzlich illegal ihren Unterhalt zu bestreiten. Dadurch werden sie den Ghanaern missliebig, weshalb meine Kollegen und ich bereits mehrmals mit Aussagen wie, dass es bevor die Nigerianer kamen, keine Kriminalitaet in Ghana gegeben habe, konfrontiert wurden. Selbst unser Gastvater, den wir als sehr besonnen und pragmatisch kennen gelernt haben, freute sich ausgiebig, als die Schweiz die U-17 WM im Finale gegen Nigeria gewann, und prophezeite uns bei der Live-Uebertragung, dass es zu Ausschreitungen durch die nigerianischen Fans kommen wuerde. Was nicht der Fall war. Es entsteht somit der dringliche Eindruck, dass die Panafrikanische Idee zumindest in der Sicht vieler Westafrikaner Nigeria ausschliesst.
Gibt's vielleicht noch weitere Ausschluesse?
Ja. Bereits am zweiten Tag in Ghana lernte ich etwas Entscheidendes ueber den Panafrikanischen Gedanken. Mitarbeiter unserer NGO fragten uns, ob wir denn schon einmal in Afrika gewesen seien, als ich bejahend antwortete, ich sei in Aegypten, Tunesien und Marokko gewesen, stellten sie postwendend klar, dass ich noch nicht in Afrika gewesen sei. Es scheint als sei die noerdliche geographische Grenze der Panafrikanischen Idee nicht das Mittelmeer, sondern die Sahara. Folglich ist der Subsahara-Teil des Kontintens das "wahre Afrika". Eine grosse Rolle bei dieser Abgrenzung spielt die Hautfarbe, die wohl am staerksten zur Identitaetsstiftung beitraegt. "Obroni" der weisse Mann und "Obrofou" der Englaender: Das sind nicht nur wir oder alle Westler. Das sind, wie wir bei Gespraechen mit den Lehrern in Ankukrom heraushoerten, auch die Nordafrikaner, Aegypter und Algerier! Und selbst Suedafrika, das derzeit so oft als Regenbogennation in den deutschen Medien Erwaehnung findet, nimmt gerade dadurch im Panafrikanischen Gedanken eine Sonderrolle ein.
Letztlich komme ich zu dem Schluss, dass es Eigenheiten gibt die mir wahrscheinlich in vielen afrikanischen Laendern begegnen koennen, aber da ich nicht weiss welche der taeglichen Erlebnisse mir auch bspw. in Ouagouadougou (Hauptstadt Burkina-Fasos) passieren koennten, bleibe ich dabei es als ghanaische Gepflogenheit zu betrachten.
Was den Panafrikanischen Gedanken anbelangt, so laesst sich aus meiner Sicht nach fast elf Monaten in Ghana sagen, dass die Panafrikanische Idee, entstanden aus dem Widerstand gegen die Kolonialisten, sich zu einem eigenstaendigen Selbstwert entwickelt hat. Panafrikanismus scheint fuer viele eine starke, lebendige, hoffnungsvolle Vision zu sein. Doch reicht eine Vision?
Ich denke an mein Vorbereitungsseminar, Dank dessen ich in nahezu allen Blogeintraegen hyper-sensibilisiert und politisch korrekt gewesen bin (oder es zumindest versucht habe). Ich denke daran, dass ich ein bestimmtes Wort nur zwei Mal in meinen bisherigen 38 Eintraegen verwendete: "Afrika". Erstaunlich, oder? Schliesslich bin ich doch in Ghana, einem afrikanischem Land. Warum also habe ich so selten "Afrika" geschrieben, ganz einfach: Beim Vorbereitungsseminar wurden wir Freiwilligen alle mehrfach, fast schon bis zum Erbrechen, sensibilisiert und ermahnt, dass wir nicht verallgemeinern sollen (niemals!), dass wir betonen sollen, dass wir Erfahrungen in Ghana sammeln und deshalb die Nutzung des Begriffs "Afrika" vermeiden sollen, weil dadurch das in westlichen Medien so oft bemuehte Bild eines kohaerenten Afrikas verfestigt wird und man damit nur zu Stereotypisierung beitraegt, und eines der Ziel unseres Freiwilligenjahres ist es doch Vorurteile durch persoenliche Erfahrungen abzubauen. Ganz dem hehren Ziel des Freiwilligendienstes ergeben, vermied ich also die Nutzung des Wortes "Afrika" und betonte stets Ghana.
Nun sitze ich im Trotro, mir erklingen wieder die Ermahnungen der Tutorin:
"Afrika", das Wort allein ruft durch die Auswahl und Berichterstattung der deutschen und westlichen Medien negative Assoziationen hervor. Das ist ein Relikt der Kolonialzeit, in der sich nicht die Muehe gemacht wurde die Laender zu nennen, denn es war ja nur "Afrika". Macht immer deutlich, dass Ihr in Ghana seid, dass daraus keine Schluesse auf andere afrikanische Staaten gezogen werden koennen.
Noch waehrend die Worte in mir verklingen, regen sich gegensaetzliche Erinnerungen: Buchpassagen ueber die Erfahrungen einer Somalierin, die alltaegliche Szenen beschreibt, die mir seltsam vertraut erscheinen, bloss bin ich doch in Ghana und nicht Somalia. Buchpassagen eines Anthropologen aus Kamerun, der scheinbar auch Erlebnisse mit mir geteilt hat. Kapuscinski, der in "Afrikanisches Fieber" so viele kleine wohl bekannte Begebenheiten schildert.
Und vor allem Ghanaer, die jede afrikanische Fussballmannschaft bejubeln, ausser die nigerianische, aber dazu spaeter mehr. Ghanaer, die sich kaum kennen, aber mit 'Bruder' oder 'Schwester' ansprechen, und immer wieder die an mich gestellte Frage, wie es mir in Afrika gefalle.
Es reift in mir also der Gedanke, vielleicht gibt es da etwas, das Ghanaer mit anderen afrikanischen Laendern verbindet, vielleicht gibt es da etwas das den ganzen Kontinent eint. Vielleicht ist das die Panafrikanische Idee? Aber es reift auch die Frage, wie stark ist dieser Panafrikanismus?
Es gibt die panafrikanischen Farben (rot, gruen, gelb), die in den verschiedenen afrikanischen Nationalflaggen dominieren und von deren Sportlern stets bei jeder Gelegenheit mit grossem Patriotismus praesentiert werden. Die vor wenigen Tagen begonnene Fussballweltmeisterschaft in Suedafrika wurde mit Spannung erwartet, denn es ist eine gefuehlte Heim-WM fuer alle Afrikaner. In Fernsehberichten sehe ich afrikanische Fans, die es als selbstverstaendlich ansehen jede afrikanische Mannschaft zu unterstuetzen, es sei doch schliesslich eine afrikanische WM. Es ist dieser Einheitsgeist, der Ghanaer jubeln laesst, wenn Suedafrika die erste WM auf dem afrikanischen Kontinent gegen Mexiko eroeffnet, wenn die Elfenbeinkueste gegen Portugal antritt und wenn Kameruns Spieler zum ersten Mal den Ball beruehren. Zweifellos wird die eigenen Nation am staerksten unterstuetzt, aber sollte diese ausscheiden, und eine afrikanische Mannschaft vielversprechend aufspielen, so wird sie mit der Unterstuetzung des Kontinents rechnen koennen.
Doch auch neben den umjubelten Fussballspielern, den Essien, Mikels, Drogbas gibt es panafrikanische Idole abseits des Fussballplatzes. Alte wie Robert Mugabe (der einst ein Hoffnungstraeger des gerade in die Unabhaengigkeit entlassenen Kontinents war) und Kwame Nkrumah, sowie scheinbar zeitlose wie Nelson Mandela. Verdiente Maenner des Kampfes gegen die Unterdrueckung. Ein Kampf der den Kontinent, die Nationen, die Voelker, so scheint mir, hat naeher zusammenruecken lassen. Ist der Panafrikanische Gedanke also auch so stark, weil es den gemeinsamen Feind gab?
Dass die Panafrikanische Idee lebendig, stark und nahezu allgegenwaertig ist habe ich bei unserer Reise durch Togo und Benin gespuert. Die Menschen sprechen oft und viel ueber Afrika, ueber die Zukunft und die Rolle Afrikas. Dabei wird ein bewundernswertes Gefuehl der Gemeinsamkeit, Geschlossenheit und Einheit vermittelt, von dem wir in Europa, das wurde in der Diskussion um die Griechenland-Rettung ueberdeutlich, noch weit entfernt sind.
Auch die Afrikanische Union ist ein Beispiel der Staerke des Panafrikanischen Gedankens. Diese wurde bereits 1961 durch die neuen Staatsoberhaeupter, der damaligen so frisch von der Unabhaengigkeitswelle erfassten afrikanischen Laender, gegruendet. Vier Jahre zuvor hatte es gerade einmal einen Zusammenschluss der Benelux-Staaten, Frankreichs, Italiens und Deutschland zur Europaeischen Wirtschaft Gemeinschaft gegeben, der erste Schritt zur Europaeischen Union, die erst 1993 ganze 32 Jahre nach der Afrikanischen Union erschaffen wurde.
Bei alle dem darf jedoch nicht vergessen werden, dass auch der Panafrikanismus seine Grenzen hat und es sich als sehr fragiles Gebilde erweisen kann. Nigeria und Nigerianer bspw. sind fuer viele Ghanaer ein Aergernis. Nigeria war einst Hoffnungstraeger der afrikanischen Westkueste gewesen, der bevoelkerungs- und erdoelreichste Staat Westafrikas, zog Wirtschaftsmigranten aus der gesamten Region an. Doch dann versank das Land in Buergerkriegen und Oel-Skandalen. Aus der Wirtschaftshoffnung wurde ein Problemfall und seit einigen Jahren findet eine verstaerkte Emigration nigerianischer Buerger statt. Aufgrund der positiven Entwicklungen der letzten Jahre ist Ghana als aufstrebender Wirtschaftstraeger ein wahrer Migrationsmagnet. Viele Nigerianer insbesondere in Accra sehen sich gezwungen im informellen Sektor zu arbeiten oder gaenzlich illegal ihren Unterhalt zu bestreiten. Dadurch werden sie den Ghanaern missliebig, weshalb meine Kollegen und ich bereits mehrmals mit Aussagen wie, dass es bevor die Nigerianer kamen, keine Kriminalitaet in Ghana gegeben habe, konfrontiert wurden. Selbst unser Gastvater, den wir als sehr besonnen und pragmatisch kennen gelernt haben, freute sich ausgiebig, als die Schweiz die U-17 WM im Finale gegen Nigeria gewann, und prophezeite uns bei der Live-Uebertragung, dass es zu Ausschreitungen durch die nigerianischen Fans kommen wuerde. Was nicht der Fall war. Es entsteht somit der dringliche Eindruck, dass die Panafrikanische Idee zumindest in der Sicht vieler Westafrikaner Nigeria ausschliesst.
Gibt's vielleicht noch weitere Ausschluesse?
Ja. Bereits am zweiten Tag in Ghana lernte ich etwas Entscheidendes ueber den Panafrikanischen Gedanken. Mitarbeiter unserer NGO fragten uns, ob wir denn schon einmal in Afrika gewesen seien, als ich bejahend antwortete, ich sei in Aegypten, Tunesien und Marokko gewesen, stellten sie postwendend klar, dass ich noch nicht in Afrika gewesen sei. Es scheint als sei die noerdliche geographische Grenze der Panafrikanischen Idee nicht das Mittelmeer, sondern die Sahara. Folglich ist der Subsahara-Teil des Kontintens das "wahre Afrika". Eine grosse Rolle bei dieser Abgrenzung spielt die Hautfarbe, die wohl am staerksten zur Identitaetsstiftung beitraegt. "Obroni" der weisse Mann und "Obrofou" der Englaender: Das sind nicht nur wir oder alle Westler. Das sind, wie wir bei Gespraechen mit den Lehrern in Ankukrom heraushoerten, auch die Nordafrikaner, Aegypter und Algerier! Und selbst Suedafrika, das derzeit so oft als Regenbogennation in den deutschen Medien Erwaehnung findet, nimmt gerade dadurch im Panafrikanischen Gedanken eine Sonderrolle ein.
Letztlich komme ich zu dem Schluss, dass es Eigenheiten gibt die mir wahrscheinlich in vielen afrikanischen Laendern begegnen koennen, aber da ich nicht weiss welche der taeglichen Erlebnisse mir auch bspw. in Ouagouadougou (Hauptstadt Burkina-Fasos) passieren koennten, bleibe ich dabei es als ghanaische Gepflogenheit zu betrachten.
Was den Panafrikanischen Gedanken anbelangt, so laesst sich aus meiner Sicht nach fast elf Monaten in Ghana sagen, dass die Panafrikanische Idee, entstanden aus dem Widerstand gegen die Kolonialisten, sich zu einem eigenstaendigen Selbstwert entwickelt hat. Panafrikanismus scheint fuer viele eine starke, lebendige, hoffnungsvolle Vision zu sein. Doch reicht eine Vision?
Sonntag, 16. Mai 2010
Im goldenen Kaefig
Am 30.04. hatte Bugs einen unverhofften Anruf des Landesdirektors Herr B. unserer Entsendeorganisation erhalten, der uns zur Teilnahme an einem Fussballturnier in Accra einlud. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt schon gar nicht mehr damit gerechnet, denn die erste Einladung war im November erfolgt und seitdem war nichts zu hoeren gewesen und ich hatte die Einladung als Lippenbekenntnis abgetan. Aber wie sich nun herausstellte war dem nicht so. Dementsprechend gross war meine Vorfreude auf das Turnier das am Samstag, den 8. Mai in Accra auf dem Gelaende einer Deutsch-Schweizer-Internationalen-Schule stattfinden sollte.
Samstag (8. Mai) Um fuenf Uhr morgens standen wir vier auf. Nicht nur wir drei Maenner, die wir spielen wuerden, sondern auch Mira machte sich auf den Weg in die Hauptstadt, zum einen um uns zuschauen, zum anderen um kurz einen Freiwilligenkollegen zu besuchen. So standen wir noch vor Sonnenaufgang auf (was mir das Fussball alles wert ist), als ich vor die Tuer trat um zu pinkeln, weil derzeit weder Dusche noch Klospuelung funktionieren, bemerkte ich, dass unsere Nachbarn auch schon wach und sehr geschaeftig waren. Ich gehe davon aus, dass unser Nachbar nicht zu einem Fussballturnier musste, sondern er vielmehr jeden Samstag (bzw. wahrscheinlich jeden Tag) so frueh schon wach ist, warum ist mir noch nicht klar, denn die Arbeit kann es am Wochenende mit Sicherheit nicht sein. Auf dem Weg zur Trotrostation begann die Tagesdaemmerung und als unser Trotro kurz nach sechs die Station verliess, war es schon helllichter Tag.
Den Grossteil der Fahrt verbrachte ich trotz aller Unbequemlichkeiten (ich hatte das Pech neben einer dicken Frau mit Kind zu sitzen) schlafend zu den Klaengen aus meinem Ipod. Kurz vor Accra erhielt Bugs einen Anruf von Herr B., ob wir denn bald da seien, denn das erste Spiel sei fuer acht Uhr angesetzt. Aufgrund des regen Verkehrsaufkommen vor Accra schafften wir es leider nicht zum ersten Spiel, machte auch nichts, denn das gewann unsere Entsendeorganisation gegen eine Elternmannschaft der Schule auch ohne unser Mitwirken mit 4:1.
In Accra an einem Knotenpunkt angekommen, rief Bugs seinerseits Herrn B. an um die letzten Wegbeschreibungen zu erhalten, allerdings war dieser fussballerisch verhindert, weshalb Frau B. antwortete. Sie war auch bemueht uns zur Schule zu leiten, Bugs bedingt durch seine mangelnden Strassenkenntnisse von Accra gab sein Handy direkt an Mira weiter, doch selbst als Accra-Veteranin konnte sie aus der Beschreibung nicht schlau werden, weshalb wir beschlossen ein Taxi zu nehmen und uns an zwei, drei Fixpunkte der Beschreibung zu halten. Nach kurzer Verwirrung und einem weiteren Anruf von Herrn B. hatten wir dann tatsaechlich die richtige Strasse gefunden und passierten auch schon unseren Landesdirektor, der zu unserer Orientierung auf dem Weg zur naechsten Strassenkreuzung war.
Beim Betreten des Schulgelaendes fiel mir sofort der Schriftzug auf der Tafel des Schulcafes ins Auge "Schwitzer Huesli", das versprach ein interessanter Tag zu werden. Auf dem Weg zum Spielfeld passierten wir die mehrstoeckigen Unterrichtsgebaeude, sowie die Pausenhoefe ausgestattet mit einem Spielplatz, einem Betonbasketballplatz und Tischtennisplatten. Mir kamen Kinder entgegen, an sich nicht erstaunlich, nur wann hatte ich zuletzt weisse Kinder gesehen? Am Ende des Ganges: Gras, gruenes Gras, ein Rasen, ein kleines Fussballfeld mitten in der Hauptstadt, von einer der zentralen Strassen in Accra nur durch eine hohe Mauer und wenige Meter getrennt. Nahe des Ganges, am Ende des Fussballfeld, so weit wie moeglich im Schatten die Ehefrauen und Muetter. Waehrend ich staunend die Ausstattung und vor allem den Rasenplatz bewunderte, erklaerte der Landesdirektor, dass unsere Entsendeorganisation im Gegensatz zu zwei weiteren Mannschaften eigentlich ausreichend besetzt sei, weshalb einer fuer eine andere auflaufen solle, falls einverstanden. Die Aussicht gegen den Arbeitgeber zu treffen war einfach zu verlockend, sodass ich ohne zu zoegern zustimmte.
In Retrospektive haette ich erst meine Mannschaftskameraden in Augenschein nehmen sollen, bevor ich meine Entscheidung traf, denn ich fiel ein wenig unter den Altersdurchschnitt (geschaetzte 20 Jahre zog ich den Schnitt nach unten). So kam es fuer mich nicht wirklich ueberraschend, dass wir aus drei Spielen nur ein Unentschieden holten, wobei ich den einzigen Treffer erzielte. Liebend gerne haette ich das auch gegen Enrico und unsere Entsendeorganisation (EO) wiederholt, aber es wollte nicht gelingen.
Zwischen und nach meinen eigenen Partien war Fussball fuer mich an diesem Tag unerwartet nebensaechlich, zu sehr war ich von der sich bietenden Atmosphaere in den Bann gezogen. Um mich herum wurde nur deutsch gesprochen, und als ein Spieler der EO-Mannschaft seine Koernerbrot-Stulle und die Apfelschnitzen aus der Tupperbox auspackte, hatte ich fast schon verdraengt, dass ich ja eigentlich in Ghana bin. Wenn da nur nicht die hohe Trennmauer im Hintergrund gewesen waere.
Am Nachmittag nachdem Enrico im Finale das Siegtor fuer unsere EO gegen die Oberstufenmannschaft erzielt hatte, fand die Siegerehrung statt. Zuerst waren natuerlich die Kindermannschaft an der Reihe, ein jedes Kind bekam einen kleinen Pokal und einen Fussball (einen Lederfussball). Warum betone ich die Tatsache des Lederfussballs? Ganz einfach, weil nahezu alle Baelle mit denen sonst hier in Ghana gespielt werden Kunststoff-Gummi-Baelle sind, weil Lederbaelle zu teuer sind. Unsere Schule in Ankukrom, die mehr als 200 Schueler umfasst, besitzt gerade einmal zwei Lederbaelle und nun bekommen die Kinder der internationalen Schule, denen es bestimmt an nichts mangelt, alle einen Lederfussball geschenkt.
Im Anschluss daran erfolgte die Siegerehrung der Erwachsenen und zu meiner grossen Ueberraschung bekam auch jeder Erwachsene einen kleinen Teilnahme-Pokal. Ich freute mich riesig, denn das hatte ich seit der D-Jugend nicht mehr bekommen, einen Pokal einfach nur fuer die Teilnahme. Allein fuer den Pokal hatte sich das fruehe Aufstehen gelohnt.
Um eine angemessenen, gemuetlichen Abschluss zu finden, lud uns der Landesdirektor noch vor Ort zum Essen ein. Waehrend ich an meinem Bier nippte und mit grossem Interesse verfolgte wie Bundeligaergebnisse und Formel-1 Startaufstellungen am Tisch zirkulierten, wartete ich mit Spannung auf mein Essen, welches Herr B. bestellt hatte ohne die Kellnerin (die zugegebenermassen wenig Kompetenz und noch weniger Enthusiasmus an den Tag legte) eines Blickes zu wuerdigen.
Aber es kam. Es sah aus wie eine, es roch wie eine, es schmeckte wie eine, eine echte Bratwurst (ob ich nach mehr als neun Monaten eine echte von einer falschen Bratwurst ueberhaupt noch unterscheiden kann, sei mal dahingestellt) Und zur Bratwurst gab es Kartoffelsalat, vergesst den Pokal, allein fuer das Essen hat sich das Aufstehen gelohnt. Angesichts meiner Begeisterung fuer das Essen, fragte eine Mitarbeiterin unserer EO, ob es bei uns in Ajumako denn keine Kartoffeln zu kaufen gebe. Da wir zuvor erklaert hatten, dass Ajumako ein Dorf auf dem Land ist, empfand ich die Frage als ein wenig unbedacht und realitaetsfern, aber ich war zu sehr mit der Bratwurst beschaeftigt um darauf zu verweisen, dass wir normalerweise ausserhalb des goldenen Kaefigs leben (da erwies mir die Bratwurst wahrscheinlich einen echten Dienst).
Nach einem Tag reich an Eindruecken, fuhr uns Herr B. noch mit einem seiner Dienstwagen zu einer Trotro-Station. Wir waren zurueck in der harschen Realitaet. Von dieser Station gelangten wir zum Kaneshie-Markt (von dort fahren die Trotros in verschiedenste Richtungen, unter anderem auch Ajumako). Den Kaneshie-Markt erreichten wir um kurz vor vier und reihten uns sofort in die Schlange des Ajumako-Ticketschalters ein. Waehrend der dann beginnenden Wartezeit (die sich insgesamt ueber mehr als zwei Stunden ausdehnen sollte), erschlichen sich noch ein Paar Leute einen Platz vor uns und wie sollte es anders sein, als das Trotro kam, wurde der letzte freie Platz an die Person direkt vor uns vergeben. Naja, macht nichts, dachte ich mir, das naechste kommt bestimmt gleich und jetzt stehen wir direkt an erster Stelle, jetzt draengelt sicher keiner mehr vor. Eine halbe Stunde (die eine gefuehlte halbe Ewigkeit war) spaeter bemerkte ich ein Trotro, das in der Naehe des Ajumako-Trotro-Spots parkte. Momente spaeter stuerzte der hintere Teil der Warteschlange auf das Fahrzeug zu und drang durch die Tueren und den Kofferraum ins Innere. Willkommen ausserhalb des goldenen Kaefigs, wo man, auch wenn man in vorderster Wartefront steht, keinen Fahrplatz bekommt. Gluecklicherweise hatte eine Frauengesellschaft, die ein Trotro organisierte und das bis auf wenige Sitzplaetze mit ihren Einkaeufen (genug um eine kurze Quarantaene-Zeit zu ueberstehen) vollstopfte, noch vier Plaetze fuer uns frei und so kamen wir dann letzten Endes doch noch nach Ajumako.
Samstag (8. Mai) Um fuenf Uhr morgens standen wir vier auf. Nicht nur wir drei Maenner, die wir spielen wuerden, sondern auch Mira machte sich auf den Weg in die Hauptstadt, zum einen um uns zuschauen, zum anderen um kurz einen Freiwilligenkollegen zu besuchen. So standen wir noch vor Sonnenaufgang auf (was mir das Fussball alles wert ist), als ich vor die Tuer trat um zu pinkeln, weil derzeit weder Dusche noch Klospuelung funktionieren, bemerkte ich, dass unsere Nachbarn auch schon wach und sehr geschaeftig waren. Ich gehe davon aus, dass unser Nachbar nicht zu einem Fussballturnier musste, sondern er vielmehr jeden Samstag (bzw. wahrscheinlich jeden Tag) so frueh schon wach ist, warum ist mir noch nicht klar, denn die Arbeit kann es am Wochenende mit Sicherheit nicht sein. Auf dem Weg zur Trotrostation begann die Tagesdaemmerung und als unser Trotro kurz nach sechs die Station verliess, war es schon helllichter Tag.
Den Grossteil der Fahrt verbrachte ich trotz aller Unbequemlichkeiten (ich hatte das Pech neben einer dicken Frau mit Kind zu sitzen) schlafend zu den Klaengen aus meinem Ipod. Kurz vor Accra erhielt Bugs einen Anruf von Herr B., ob wir denn bald da seien, denn das erste Spiel sei fuer acht Uhr angesetzt. Aufgrund des regen Verkehrsaufkommen vor Accra schafften wir es leider nicht zum ersten Spiel, machte auch nichts, denn das gewann unsere Entsendeorganisation gegen eine Elternmannschaft der Schule auch ohne unser Mitwirken mit 4:1.
In Accra an einem Knotenpunkt angekommen, rief Bugs seinerseits Herrn B. an um die letzten Wegbeschreibungen zu erhalten, allerdings war dieser fussballerisch verhindert, weshalb Frau B. antwortete. Sie war auch bemueht uns zur Schule zu leiten, Bugs bedingt durch seine mangelnden Strassenkenntnisse von Accra gab sein Handy direkt an Mira weiter, doch selbst als Accra-Veteranin konnte sie aus der Beschreibung nicht schlau werden, weshalb wir beschlossen ein Taxi zu nehmen und uns an zwei, drei Fixpunkte der Beschreibung zu halten. Nach kurzer Verwirrung und einem weiteren Anruf von Herrn B. hatten wir dann tatsaechlich die richtige Strasse gefunden und passierten auch schon unseren Landesdirektor, der zu unserer Orientierung auf dem Weg zur naechsten Strassenkreuzung war.
Beim Betreten des Schulgelaendes fiel mir sofort der Schriftzug auf der Tafel des Schulcafes ins Auge "Schwitzer Huesli", das versprach ein interessanter Tag zu werden. Auf dem Weg zum Spielfeld passierten wir die mehrstoeckigen Unterrichtsgebaeude, sowie die Pausenhoefe ausgestattet mit einem Spielplatz, einem Betonbasketballplatz und Tischtennisplatten. Mir kamen Kinder entgegen, an sich nicht erstaunlich, nur wann hatte ich zuletzt weisse Kinder gesehen? Am Ende des Ganges: Gras, gruenes Gras, ein Rasen, ein kleines Fussballfeld mitten in der Hauptstadt, von einer der zentralen Strassen in Accra nur durch eine hohe Mauer und wenige Meter getrennt. Nahe des Ganges, am Ende des Fussballfeld, so weit wie moeglich im Schatten die Ehefrauen und Muetter. Waehrend ich staunend die Ausstattung und vor allem den Rasenplatz bewunderte, erklaerte der Landesdirektor, dass unsere Entsendeorganisation im Gegensatz zu zwei weiteren Mannschaften eigentlich ausreichend besetzt sei, weshalb einer fuer eine andere auflaufen solle, falls einverstanden. Die Aussicht gegen den Arbeitgeber zu treffen war einfach zu verlockend, sodass ich ohne zu zoegern zustimmte.
In Retrospektive haette ich erst meine Mannschaftskameraden in Augenschein nehmen sollen, bevor ich meine Entscheidung traf, denn ich fiel ein wenig unter den Altersdurchschnitt (geschaetzte 20 Jahre zog ich den Schnitt nach unten). So kam es fuer mich nicht wirklich ueberraschend, dass wir aus drei Spielen nur ein Unentschieden holten, wobei ich den einzigen Treffer erzielte. Liebend gerne haette ich das auch gegen Enrico und unsere Entsendeorganisation (EO) wiederholt, aber es wollte nicht gelingen.
Zwischen und nach meinen eigenen Partien war Fussball fuer mich an diesem Tag unerwartet nebensaechlich, zu sehr war ich von der sich bietenden Atmosphaere in den Bann gezogen. Um mich herum wurde nur deutsch gesprochen, und als ein Spieler der EO-Mannschaft seine Koernerbrot-Stulle und die Apfelschnitzen aus der Tupperbox auspackte, hatte ich fast schon verdraengt, dass ich ja eigentlich in Ghana bin. Wenn da nur nicht die hohe Trennmauer im Hintergrund gewesen waere.
Am Nachmittag nachdem Enrico im Finale das Siegtor fuer unsere EO gegen die Oberstufenmannschaft erzielt hatte, fand die Siegerehrung statt. Zuerst waren natuerlich die Kindermannschaft an der Reihe, ein jedes Kind bekam einen kleinen Pokal und einen Fussball (einen Lederfussball). Warum betone ich die Tatsache des Lederfussballs? Ganz einfach, weil nahezu alle Baelle mit denen sonst hier in Ghana gespielt werden Kunststoff-Gummi-Baelle sind, weil Lederbaelle zu teuer sind. Unsere Schule in Ankukrom, die mehr als 200 Schueler umfasst, besitzt gerade einmal zwei Lederbaelle und nun bekommen die Kinder der internationalen Schule, denen es bestimmt an nichts mangelt, alle einen Lederfussball geschenkt.
Im Anschluss daran erfolgte die Siegerehrung der Erwachsenen und zu meiner grossen Ueberraschung bekam auch jeder Erwachsene einen kleinen Teilnahme-Pokal. Ich freute mich riesig, denn das hatte ich seit der D-Jugend nicht mehr bekommen, einen Pokal einfach nur fuer die Teilnahme. Allein fuer den Pokal hatte sich das fruehe Aufstehen gelohnt.
Um eine angemessenen, gemuetlichen Abschluss zu finden, lud uns der Landesdirektor noch vor Ort zum Essen ein. Waehrend ich an meinem Bier nippte und mit grossem Interesse verfolgte wie Bundeligaergebnisse und Formel-1 Startaufstellungen am Tisch zirkulierten, wartete ich mit Spannung auf mein Essen, welches Herr B. bestellt hatte ohne die Kellnerin (die zugegebenermassen wenig Kompetenz und noch weniger Enthusiasmus an den Tag legte) eines Blickes zu wuerdigen.
Aber es kam. Es sah aus wie eine, es roch wie eine, es schmeckte wie eine, eine echte Bratwurst (ob ich nach mehr als neun Monaten eine echte von einer falschen Bratwurst ueberhaupt noch unterscheiden kann, sei mal dahingestellt) Und zur Bratwurst gab es Kartoffelsalat, vergesst den Pokal, allein fuer das Essen hat sich das Aufstehen gelohnt. Angesichts meiner Begeisterung fuer das Essen, fragte eine Mitarbeiterin unserer EO, ob es bei uns in Ajumako denn keine Kartoffeln zu kaufen gebe. Da wir zuvor erklaert hatten, dass Ajumako ein Dorf auf dem Land ist, empfand ich die Frage als ein wenig unbedacht und realitaetsfern, aber ich war zu sehr mit der Bratwurst beschaeftigt um darauf zu verweisen, dass wir normalerweise ausserhalb des goldenen Kaefigs leben (da erwies mir die Bratwurst wahrscheinlich einen echten Dienst).
Nach einem Tag reich an Eindruecken, fuhr uns Herr B. noch mit einem seiner Dienstwagen zu einer Trotro-Station. Wir waren zurueck in der harschen Realitaet. Von dieser Station gelangten wir zum Kaneshie-Markt (von dort fahren die Trotros in verschiedenste Richtungen, unter anderem auch Ajumako). Den Kaneshie-Markt erreichten wir um kurz vor vier und reihten uns sofort in die Schlange des Ajumako-Ticketschalters ein. Waehrend der dann beginnenden Wartezeit (die sich insgesamt ueber mehr als zwei Stunden ausdehnen sollte), erschlichen sich noch ein Paar Leute einen Platz vor uns und wie sollte es anders sein, als das Trotro kam, wurde der letzte freie Platz an die Person direkt vor uns vergeben. Naja, macht nichts, dachte ich mir, das naechste kommt bestimmt gleich und jetzt stehen wir direkt an erster Stelle, jetzt draengelt sicher keiner mehr vor. Eine halbe Stunde (die eine gefuehlte halbe Ewigkeit war) spaeter bemerkte ich ein Trotro, das in der Naehe des Ajumako-Trotro-Spots parkte. Momente spaeter stuerzte der hintere Teil der Warteschlange auf das Fahrzeug zu und drang durch die Tueren und den Kofferraum ins Innere. Willkommen ausserhalb des goldenen Kaefigs, wo man, auch wenn man in vorderster Wartefront steht, keinen Fahrplatz bekommt. Gluecklicherweise hatte eine Frauengesellschaft, die ein Trotro organisierte und das bis auf wenige Sitzplaetze mit ihren Einkaeufen (genug um eine kurze Quarantaene-Zeit zu ueberstehen) vollstopfte, noch vier Plaetze fuer uns frei und so kamen wir dann letzten Endes doch noch nach Ajumako.
Donnerstag, 6. Mai 2010
Warum Nidoking Level 46 ist und ich Batman bin
Wie lange stehe ich schon hier? Ich weiss es nicht, ich schaue auf mein Handy. Aber da ich nicht weiss, seit wann ich hier stehe, spielt es auch keine Rolle wie spaet es jetzt ist. Ein Mann spricht mich an. Ja, ich bin aus dem selben Grund hier. Das Stehen strengt mich an, ich lehne mich an die weisse Kalkwand, mir ist heiss. Der weisse Kalk faerbt an mein T-Shirt ab. Ich setze mich auf den Steinboden, die Wand spendet Schatten. Ich stehe wieder auf, das Sitzen ist unbequem.
Wie lange stehe ich schon hier? Sechs Meter von mir, in der erbarmungslosen Sonne steht ein Bottich mit Wasser. Immer wieder ziehen Muetter ihre Kinder aus und waschen sie ein wenig. Direkt daneben pinkeln Kinder in die Abflussrinne davor. Mein Kopf fuehlt sich schwer an, ist es die Hitze oder das Fieber, vielleicht auch beides.
Wie lange stehe ich schon hier? Ich weiss es nicht, ich habe zwei Mal die Top Vier der Pokemon-Liga besiegt. Durch den Moskitoschutz der gekippten Fenster werfe ich einen fluechtigen Blick in den Raum, noch immer wird mein Name nicht genannt. Ein Kind fordert den Gameboy von mir, ich weise es muerrisch ab und es geht. Wieder wird ein Name aufgerufen, wieder nicht der meinige. Ich setze mich wieder hin. Die Kirchenwand ist angenehm kuehl.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss nicht. Nidoking erreicht Level 46. Eine Mutter waescht ihr Kind, daneben uebergibt sich ein anderes in die Abflussrinne. Entfernt sind die Bauarbeiten am eigentlichen Warte- und Aufnahmeareal zu hoeren. Das Kind kommt und fordert wieder den Gameboy von mir. Nein! Und 0,50 Ghc? Nein! 0,30 Ghc? Nein! 0,05Ghc? Nein! Es geht wieder. Ich muss die Batterien wechseln. Drinnen wird ein Name genannt, nicht der meinige, aber ein Sitzplatz ist frei, ich gehe rein.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Der Warteraum ist bis zum letzten Platz gefuellt. Es ist laut, schreiende, weinende Kinder. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Eine Frau die unter Schluchzern und Schreien hinaus eilt. Wie lange ist es her, dass die Schwester meinen Blutdruck gemessen hat und ich ernuechtert mein Gewicht von nur noch 72 kg auf der Waage erblickt habe? War das mein Name, nein jemand anders hat schon reagiert. Husten, Keuchen, Stoehnen umgibt mich. Meine Gelenke schmerzen.
Wie lange sitze ich schon hier? Es liegen keine Akten mehr auf dem Tisch der Schwester, ich muss schon lange da sein. Ich wechsle von einer gruenen Holzbank zu einer anderen. Mein Name wird genannt. Ich kann aber nicht zuordnen aus welcher Richtung, ich wende mich links, und drehe eine Runde im Kreis bis ich zum richtigen Vorhang zwischen den Holzbrettern gelange. Der Arzt fragt mich nach meinem Befinden. Ich bin da um einen Arzt zu sehen, dass mir die Sonne nicht aus dem Arsch scheint sollte klar sein. Ich erklaere ihm, dass ich Fieber und Gliederschmerzen habe und seit drei Tagen Essen wie Trinken nicht laenger als eine halbe Stunde bei mir behalte, nur um es dann wieder als farbiges Wasser von mir zu geben. Ob ich Malaria-Prophylaxe nehme? Was tut das denn zur Sache, ich habe keinen einzigen Moskitostich, und uebergeben habe ich mich auch nicht. Ja ich habe Fieber und auch Schmerzen, wie bereits gesagt. Warum soll ich zum Bluttest? Lebensmittelvergiftung? Ist das denn noetig, das letzte Mal ging es doch auch ohne Test.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Ich koennte mein Handy aus der Hosentasche ziehen, auf die Uhr schauen. Jede Bewegung strengt an. Das Weiss der Wand vor mir wirkt grell, die Bodenfliesen sollten auch weiss sein, sie sind dreckig, Sand, Staub, Essenskruemel. Der kleine Junge zu meiner Rechten, laesst ein paar angekaute Maiskoerner aus dem Mund auf meine Fuesse fallen. Der Ventilator ueber mir geht nicht, der fuenf Meter weiter rechts geht, die Sitzplaetze dort sind vollbesetzt. Ich habe Durst.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Ich schaue den kleinen Jungen an. Ich muss schon eine ganze Weile da sein, er ist fertig damit seine angekauten Maiskoerner ueber den Fussboden zu verteilen. Die Tuer am Ende des Ganges oeffnet sich, ein Name wird gerufen, wieder nicht der meinige. Ich blicke auf den Boden. Fliegen am halbgekauten Mais.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Im Kopf habe ich das Bild eines langsam, unaufhoerlich tropfenden Wasserhahns. Es werden mehr Namen gerufen, es kommen neue Wartende, zwei davon legen sich auf den dreckigen Fussboden. Irgendwo am Ende des Ganges schreit ein Kind.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Mein Gelenke schmerzen, mir ist heiss. Der kleine Junge liegt in der Gangmitte auf einem Tuch nur unweit von seinen Maisresten. Seine Mutter wird aufgerufen, keine halbe Minute allein beginnt der Junge an zu weinen. Der Laerm strengt mich an. Wieder tritt ein Patient mit leerem Pinkelbecher aus der Tuer. Ich habe Durst, meine eigenen Gedanken quaelen mich mit Bildern eisgekuehlter Cola.
Wie lange sitze ich schon hier? Ein Mann mit Besen fegten den Gang. Sand, Staub, Essensreste, Ameisen, halbgekaute Maiskoerner. Ich muss schon lange da sein. Mein Name wird aufgerufen. Ich bin erleichtert, doch kaum durch die Tuer fragt der Mann mich nach meiner Versicherungskarte. Ich habe keine Versicherungskarte und frage ihn auch was ihm denn meine deutsche Versicherungskarte nuetzte. Er sagt, ohne Karte muesse ich es bar bezahlen, ich bin muede und frage, wie viel? Er wisse es nicht, ich solle zurueck zum Doktor gehen, der solle es aufschreiben. Ich bin nicht mehr muede, ich bin wuetend, ich frage ihn, ob es sein Ernst sei, nach Stunden des Wartens noch einmal die gleiche Prozedur zu machen. Er verweist mich an den Arzt.
Ich verlasse den Laborfluegel und suche den Arzt auf. Das Wartezimmer ist bis auf wenige Plaetze leer. Ich warte nicht, ich stecke einfach meinen Kopf ins Beratungszimmer. Er hat gerade einen Patienten. Ich ziehe den Kopf zurueck, wenige Augenblicke vergehen, der Arzt spricht mich an, bittet mich hinter einen anderen Vorhang.
R: "Ich bin seit heute Morgen hier, ich bin nicht bereit erneut zu warten, schauen sie auf meine Krankenakte, es ist das Gleiche wie beim letzten Mal, ich weiss, dass es das Gleiche ist, verschreiben sie mir einfach die Medikamente, damit ich gehen kann."
A: "Sie wollen also die Medikamente wo anders kaufen?"
R: "Ist mir vollkommen egal, hier oder wo anders, geben sie mir einfach die Medikamente."
A: "Das macht fuenf Cedis."
Die Medikamente haben auch sofort begonnen zu wirken, so dass ich das Abendessen bedenkenlos essen konnte. Allerdings hatte ich die Medikamente ueberschaetzt, so kam es, dass mein Magen um zwei Uhr nachts rebellierte und ich das Essen auskotzte, was ich immer noch als Verbesserung zu den vorangegangenen Tagen betrachtete, war nur schade ums Essen, es hatte so gut geschmeckt. Das war aber der letzte Fall unfreiwilliger Nahrungsmittelabgabe und sollte fuer drei Tage bedingt durch die Medikamente auch die letzte Nahrungsmittelabgabe jeglicher Art sein.
Auf jeden Fall bin ich wieder gesund und seit dem Wochenende ist auch unsere WG wieder vollstaendig. Zuerst kam samstags Enrico mit seiner Familie vorbei, die aber nur fuer wenige Stunde vor ihrem Rueckflug bleiben konnte, und sonntags kehrte auch Mira nach Ajumako zurueck. Unter der Woche stellten wir fest, dass eine Fledermaus Gefallen an unserer Waschkueche gefunden hatte. Als ich sie am fruehen Abend nahm um draussen auszusetzen, schien sie schwach und nicht allzu widerwillig aus dem Haus zu kommen, nach dem Abendessen war sie aber wieder in der Waschkueche, zumindest gehe ich davon aus, dass es sich um dieselbe Fledermaus handelte (denn sie tauchte einen Tag spaeter erneut auf), als ich sie dieses Mal nahm, zeigte sie sich weniger angetan und biss mich in den Finger. Was mir zwei Punkte zur Gewissheit verdeutlichte, zum einen, dass ich wenige Stunden zuvor die Fledermaus nur aufgrund des Tageslichts ohne Probleme aus der Waschkueche hatte tragen koennen, und zum anderen, dass ich Batman bin. In diesem Sinne wache ich nun ueber Gotham City, oder Ajumako oder so.
Wie lange stehe ich schon hier? Sechs Meter von mir, in der erbarmungslosen Sonne steht ein Bottich mit Wasser. Immer wieder ziehen Muetter ihre Kinder aus und waschen sie ein wenig. Direkt daneben pinkeln Kinder in die Abflussrinne davor. Mein Kopf fuehlt sich schwer an, ist es die Hitze oder das Fieber, vielleicht auch beides.
Wie lange stehe ich schon hier? Ich weiss es nicht, ich habe zwei Mal die Top Vier der Pokemon-Liga besiegt. Durch den Moskitoschutz der gekippten Fenster werfe ich einen fluechtigen Blick in den Raum, noch immer wird mein Name nicht genannt. Ein Kind fordert den Gameboy von mir, ich weise es muerrisch ab und es geht. Wieder wird ein Name aufgerufen, wieder nicht der meinige. Ich setze mich wieder hin. Die Kirchenwand ist angenehm kuehl.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss nicht. Nidoking erreicht Level 46. Eine Mutter waescht ihr Kind, daneben uebergibt sich ein anderes in die Abflussrinne. Entfernt sind die Bauarbeiten am eigentlichen Warte- und Aufnahmeareal zu hoeren. Das Kind kommt und fordert wieder den Gameboy von mir. Nein! Und 0,50 Ghc? Nein! 0,30 Ghc? Nein! 0,05Ghc? Nein! Es geht wieder. Ich muss die Batterien wechseln. Drinnen wird ein Name genannt, nicht der meinige, aber ein Sitzplatz ist frei, ich gehe rein.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Der Warteraum ist bis zum letzten Platz gefuellt. Es ist laut, schreiende, weinende Kinder. Ich kann kaum einen klaren Gedanken fassen. Eine Frau die unter Schluchzern und Schreien hinaus eilt. Wie lange ist es her, dass die Schwester meinen Blutdruck gemessen hat und ich ernuechtert mein Gewicht von nur noch 72 kg auf der Waage erblickt habe? War das mein Name, nein jemand anders hat schon reagiert. Husten, Keuchen, Stoehnen umgibt mich. Meine Gelenke schmerzen.
Wie lange sitze ich schon hier? Es liegen keine Akten mehr auf dem Tisch der Schwester, ich muss schon lange da sein. Ich wechsle von einer gruenen Holzbank zu einer anderen. Mein Name wird genannt. Ich kann aber nicht zuordnen aus welcher Richtung, ich wende mich links, und drehe eine Runde im Kreis bis ich zum richtigen Vorhang zwischen den Holzbrettern gelange. Der Arzt fragt mich nach meinem Befinden. Ich bin da um einen Arzt zu sehen, dass mir die Sonne nicht aus dem Arsch scheint sollte klar sein. Ich erklaere ihm, dass ich Fieber und Gliederschmerzen habe und seit drei Tagen Essen wie Trinken nicht laenger als eine halbe Stunde bei mir behalte, nur um es dann wieder als farbiges Wasser von mir zu geben. Ob ich Malaria-Prophylaxe nehme? Was tut das denn zur Sache, ich habe keinen einzigen Moskitostich, und uebergeben habe ich mich auch nicht. Ja ich habe Fieber und auch Schmerzen, wie bereits gesagt. Warum soll ich zum Bluttest? Lebensmittelvergiftung? Ist das denn noetig, das letzte Mal ging es doch auch ohne Test.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Ich koennte mein Handy aus der Hosentasche ziehen, auf die Uhr schauen. Jede Bewegung strengt an. Das Weiss der Wand vor mir wirkt grell, die Bodenfliesen sollten auch weiss sein, sie sind dreckig, Sand, Staub, Essenskruemel. Der kleine Junge zu meiner Rechten, laesst ein paar angekaute Maiskoerner aus dem Mund auf meine Fuesse fallen. Der Ventilator ueber mir geht nicht, der fuenf Meter weiter rechts geht, die Sitzplaetze dort sind vollbesetzt. Ich habe Durst.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Ich schaue den kleinen Jungen an. Ich muss schon eine ganze Weile da sein, er ist fertig damit seine angekauten Maiskoerner ueber den Fussboden zu verteilen. Die Tuer am Ende des Ganges oeffnet sich, ein Name wird gerufen, wieder nicht der meinige. Ich blicke auf den Boden. Fliegen am halbgekauten Mais.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Im Kopf habe ich das Bild eines langsam, unaufhoerlich tropfenden Wasserhahns. Es werden mehr Namen gerufen, es kommen neue Wartende, zwei davon legen sich auf den dreckigen Fussboden. Irgendwo am Ende des Ganges schreit ein Kind.
Wie lange sitze ich schon hier? Ich weiss es nicht. Mein Gelenke schmerzen, mir ist heiss. Der kleine Junge liegt in der Gangmitte auf einem Tuch nur unweit von seinen Maisresten. Seine Mutter wird aufgerufen, keine halbe Minute allein beginnt der Junge an zu weinen. Der Laerm strengt mich an. Wieder tritt ein Patient mit leerem Pinkelbecher aus der Tuer. Ich habe Durst, meine eigenen Gedanken quaelen mich mit Bildern eisgekuehlter Cola.
Wie lange sitze ich schon hier? Ein Mann mit Besen fegten den Gang. Sand, Staub, Essensreste, Ameisen, halbgekaute Maiskoerner. Ich muss schon lange da sein. Mein Name wird aufgerufen. Ich bin erleichtert, doch kaum durch die Tuer fragt der Mann mich nach meiner Versicherungskarte. Ich habe keine Versicherungskarte und frage ihn auch was ihm denn meine deutsche Versicherungskarte nuetzte. Er sagt, ohne Karte muesse ich es bar bezahlen, ich bin muede und frage, wie viel? Er wisse es nicht, ich solle zurueck zum Doktor gehen, der solle es aufschreiben. Ich bin nicht mehr muede, ich bin wuetend, ich frage ihn, ob es sein Ernst sei, nach Stunden des Wartens noch einmal die gleiche Prozedur zu machen. Er verweist mich an den Arzt.
Ich verlasse den Laborfluegel und suche den Arzt auf. Das Wartezimmer ist bis auf wenige Plaetze leer. Ich warte nicht, ich stecke einfach meinen Kopf ins Beratungszimmer. Er hat gerade einen Patienten. Ich ziehe den Kopf zurueck, wenige Augenblicke vergehen, der Arzt spricht mich an, bittet mich hinter einen anderen Vorhang.
R: "Ich bin seit heute Morgen hier, ich bin nicht bereit erneut zu warten, schauen sie auf meine Krankenakte, es ist das Gleiche wie beim letzten Mal, ich weiss, dass es das Gleiche ist, verschreiben sie mir einfach die Medikamente, damit ich gehen kann."
A: "Sie wollen also die Medikamente wo anders kaufen?"
R: "Ist mir vollkommen egal, hier oder wo anders, geben sie mir einfach die Medikamente."
A: "Das macht fuenf Cedis."
Die Medikamente haben auch sofort begonnen zu wirken, so dass ich das Abendessen bedenkenlos essen konnte. Allerdings hatte ich die Medikamente ueberschaetzt, so kam es, dass mein Magen um zwei Uhr nachts rebellierte und ich das Essen auskotzte, was ich immer noch als Verbesserung zu den vorangegangenen Tagen betrachtete, war nur schade ums Essen, es hatte so gut geschmeckt. Das war aber der letzte Fall unfreiwilliger Nahrungsmittelabgabe und sollte fuer drei Tage bedingt durch die Medikamente auch die letzte Nahrungsmittelabgabe jeglicher Art sein.
Auf jeden Fall bin ich wieder gesund und seit dem Wochenende ist auch unsere WG wieder vollstaendig. Zuerst kam samstags Enrico mit seiner Familie vorbei, die aber nur fuer wenige Stunde vor ihrem Rueckflug bleiben konnte, und sonntags kehrte auch Mira nach Ajumako zurueck. Unter der Woche stellten wir fest, dass eine Fledermaus Gefallen an unserer Waschkueche gefunden hatte. Als ich sie am fruehen Abend nahm um draussen auszusetzen, schien sie schwach und nicht allzu widerwillig aus dem Haus zu kommen, nach dem Abendessen war sie aber wieder in der Waschkueche, zumindest gehe ich davon aus, dass es sich um dieselbe Fledermaus handelte (denn sie tauchte einen Tag spaeter erneut auf), als ich sie dieses Mal nahm, zeigte sie sich weniger angetan und biss mich in den Finger. Was mir zwei Punkte zur Gewissheit verdeutlichte, zum einen, dass ich wenige Stunden zuvor die Fledermaus nur aufgrund des Tageslichts ohne Probleme aus der Waschkueche hatte tragen koennen, und zum anderen, dass ich Batman bin. In diesem Sinne wache ich nun ueber Gotham City, oder Ajumako oder so.
Samstag, 1. Mai 2010
Zwischen Baumwipfeln Und Untertage
Mittwoch (21.04.) -- Nach dem Fruehstueck brachen Bugs und ich auf um im Kakum Nationalpark den Canopy Walk zu beschreiten. Der Kakum Nationalpark liegt 33 km noerdlich von Cape Coast folglich fuehrte unser Weg von Ajumako ueber Mankessim nach Cape Coast.
Im Trotro nach Mankessim hatte ich das Vergnuegen neben einer sehr ungeduldigen Dame zu sitzen, die sobald das Trotro in Mankessim zu einem Halt gekommen war durch vehementes mir auf das Knie-Tippen signalisierte, dass sie aussteigen wollte, dass die Fahrgaeste in der Reihe vor uns noch nicht ausgestiegen waren und auch ich aussteigen wollte schienen dabei keine Rolle zu spielen. Doch immerhin war sie nicht dick, denn das sind immer die unangenehmsten Trotro-Mitfahrer (Oh nein, war ich jetzt politisch unkorrekt?) Egal, weiter gings!
Auf dem kurzen Fussweg zur naechsten Trotro-Station berichtete mir Bugs von seinem Sitznachbar und deren Unterhaltung und es stellte sich heraus, ich hatte mit der nervoesen Dame kein schlechtes Los gezogen. Denn Bugs Sitznachbar sang ihm das mittlerweile gut bekannte Lied, Deutschland sei rassistisch. Auf Bugs Frage, wie er zu dieser Einschaetzung komme, antwortete der gute Mann, er haette von mehreren Bekannten erfahren, dass es doch tatsaechlich so ist, dass wenn man keine Papiere besitzt, die zum Aufenthalt berechtigen, man ausgewiesen werden kann, einfach so. Schlimm, wenn man in einem funktionierenden Rechtsstaat lebt, oder? (Zu viel Ironie? Ach egal!) Leider hatte ich keine Gelegenheit mit dem Herren zu sprechen, denn sonst haette ich ihn gefragt, ob er denn glaube, dass ich ohne Papiere in Ghana sein duerfe, dass ich keine Arbeitgeber gebundene zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis habe.
Die Fahrt von Mankessim nach Cape Coast verbrachten Bugs und ich dann sicherheitshalber als Sitznachbarn - wie angenehm eine Trotro-Fahrt doch sein kann. Dafuer war die Wartezeit in Cape Coast bis das Trotro, das uns zum Nationalpark bringen sollte, voll war nicht annaehernd so angenehm. Warten an sich geht ja, aber wenn dann ein Kind in dreckigen Lumpen um Geld bettelt und ich dem Geber-Impuls nicht nachgeben kann und der Anblick mir eigentlich sehr nahe gehen sollte, wenn ich nicht schon so abgestumpft waere, dann schlaegt das ein wenig auf die Stimmung. Haette das Kind das Geld wirklich gebraucht? Sehr wahrscheinlich. Haette ich Geld geben koennen? Ohne Probleme. Aber wenn ich diesem Kind etwas gebe, warum nicht den Dutzend anderen die mich jede Woche fragen? Wie entscheide ich wer es verdient und wer nicht? Wo ziehe ich die Grenze? Ich ziehe sie ganz klar, indem ich jedem ganz gerecht gar nichts gebe.
Irgendwann war das Trotro gen Twifo-Praso voll und wir fuhren los, im Augenwinkel sah ich da noch wie das bettelnde Kind von einem anderen Kind angegangen wurde, weil es scheinbar eine Muenze geklaut hatte.
An der Auffahrt zum Nationalpark liess uns der Mate aussteigen, das Geschehen von der Station war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder erfolgreich verdraengt und die Vorfreude auf das Bevorstehende dominierte.
Da die naechste Begehung des Canopy Walks erst zur vollen Stunde beginnen sollte, nahmen Bugs und ich die Gelegenheit wahr und betrachteten die permanente Ausstellung ueber den Tropenwald. Um 13 Uhr war es dann so weit und unsere Gruppe trat unter Fuehrung des Parkangestellten Ben den Weg zum Canopy Walk an. Auf dem Weg dorthin stoppte Ben an verschiedenen Baeumen um auf deren Eigenschaften und Nutzen hinzuweisen. Besonders einpraegsam war ein Baum der frueher als Kommunikationsmittel genutzt wurde, falls eine Gruppe von Holzsammlern oder Jaegern sich verloren hatte. Weil das Rufen nach den anderen zu gefaehrlich gewesen waere, wurde stets diese besondere Baumart mit den grossen stuetzenden Wurzeln gesucht an die dann mit grosser Lautstaerke geklopft wurde. Der geneigte Leser mag sich nun fragen, aber warum war das Rufen denn so gefaehrlich, nun Ben erklaerte es uns und es ist in der Tat sehr einleuchtend: Die Zwerge haetten es gehoert und die betreffende Person weggezaubert. Da ist es um vieles sicherer an die Wurzeln zu klopfen um seine Position zu signalisieren, weil die Zwerge das bestimmt nicht gehoert haben. Wie dem auch sei, Ben erklaerte das sei frueher so gewesen und heute nicht mehr der Fall. Kurz nach dieser fuer mich sehr erheiternden Episode kamen wir endlich bei der Startplattform des Canopy Walks an.
Der Canopy Walk ist ein von zwei Kanadiern gebauter 330 m langer Weg, den sie (so erklaerte es Mira, die schon drei Mal da gewesen war) zur besseren Beobachtung von Schmetterlingen errichtet haben. Die Besonderheit des Weges, er befindet sich in ca. 40 m Hoehe auf sieben Haengebruecken zwischen den Baumwipfeln.
Grossen Respekt zolle ich nach wie vor Bugs, der sich trotz Hoehenangst mit mir auf die wackeligen Bretter ueber dem tropischen Blaetterdach wagte. In Erinnerung an den ein oder anderen Ski- und Mountainbike-Urlaub mit meinem Bruder musste ich auf einer der Baumplattformen einfach die einmalige Gelegenheit nutzen und ein Bild machen, mit Ausblick, wenn du weisst was ich mein Timo ;) Fuer mich war es also vor allem ein riesen Spass, waehrend es fuer Bugs doch ein wenig nervenaufreibend war. Aber er schlug sich dennoch beachtlich, anders als die drei Daenen unserer Gruppe, die doch eine ganze Weile brauchten um die bis zu 60 m langen Bruecken zu ueberqueren.
Donnerstags verkleinerte sich unsere Wohngemeinschaft um eine weitere Person, denn Enrico machte sich auf nach Elmina, um dort mit seinen Eltern zusammenzutreffen, die nach Wiedereroeffnung des europaeischen Luftraums tags zuvor doch noch nach Ghana fliegen konnten. So blieben dann nur noch Bugs und ich in Ajumako zurueck.
Doch das Hochleistungs-Entspannen fuer uns beide beschraenkte sich auf Freitag und Samstag.
Sonntags naemlich hiess es Sachen packen, ab nach Obuasi, ab zu den Goldminen. Sonntage sind generell, pauschalisiert, ganz frech verallgemeinert nicht die besten Tage um in Ghana irgendwohin zu reisen, denn Ghanaer reisen eher unter der Woche, die Trotros fahren aber unveraendert immer erst los, wenn sie voll besetzt sind, so dass es an Sonntagen noch einmal deutlich laenger dauert als unter der Woche bis das Trotro voll und fahrtbereit ist. So kamen Bugs und ich also nach Mankessim und stellten zu unserer Freude fest, dass es ein Trotro direkt nach Obuasi gibt. Leider sassen aber erst drei Fahrgaeste darin, d.h. es waren noch 15 Plaetze frei.Waehrnd ich im Trotro sass, liess ich meinen Blick ein wenig schweifen.
Die Trotro-Station trocken, staubig, bis auf die schmalen Schattenstreifen der Fahrzeuge bietet sich keine Fluchtmoeglichkeit vor der unerbittlich brennenden Sonne, lediglich die leichte Brise verschafft den Verkaeufern, die ihre Waren auf dem Kopf tragend lautstark anpreisen, ein wenig Linderung. Die Sekunden verstreichen, die Minuten werden zu Stunden und die Schatten werden laenger und laenger, nur das sich mir bietende Bild bleibt unveraendert, gefangen zwischen staubiger Langeweile und trockener Zynik.
Irgendwann war das Trotro dann doch voll und nachdem auch die letzte Frau ihre Naturheilmedizin mehr oder weniger erfolgreich verkauft hatte (in solchen Situation sind unsere deutschen Simultanverkaufsgespraeche stets voller Inronie) setzte sich das Trotro endlich in Bewegung. Nach drei Stunden oder 63 Liedern auf meinem Ipod hiess uns ein Schild willkommen in Obuasi "The Golden City". Ein Hotel und Abendessen waren schnell gefunden und wir liessen den Tag ruhig ausklingen.
Frueh am Morgen machten wir uns auf zum Buero der Minengesellschaft (Anglo Gold Asante, deren Aktien an der Londoner und New Yorker Boerse gehandelt werden) um eine Besichtigung der Minen vorzunehmen. Nach kurzer Verwirrung fanden wir letztlich doch von der Rezeption zum Haupttor und dem Touristenbuero, wo wir eingekleidet wurden und einen Blick in den kaerglich eingerichteten Ausstellungsraum (nur Fotos von Cricket- und Tennismannschaft anno 1938, natuerlich nur Weisse durften nicht fehlen, Rassismus kotzt mich an) warfen. Kaum war das Fahrzeug und unser Minenfuehrer organisiert, fuhren wir zum aeltesten Schacht der seit 1887 operierenden Mine. Der Sansu-Schacht wird jetzt vor allem als Unterrichtsschacht genutzt. Der fuer Touristen zugaengliche Schacht fuehrte uns in eine Tiefe von 800 Feet und ist mit fuenf Theorie-Unterrichtsraeumen und genuegend Felswaenden fuer die Praxis-Uebungen ausgestattet. Wir bekamen einen Einblick in die Arbeitsumgebung in der unser sympathischer Minenfuehrer Ramon und die anderen Kumpeln in acht Stundenschichten rundum die Uhr arbeiten, jedoch nicht nur in einer Tiefe von laecherlichen 800 Feet, sondern bis zu 5200 Feet tief unter der Erdoberflaeche. Am Fusse einer Arbeitsplattform bat uns Ramon unsere Kopfleuchten auszuschalten und ploetzlich war es finster, schwarz - die Worte beschreiben es nicht einmal annaehernd, es war als waer ich umgeben von nichts, es machte keinen Unterschied, ob ich die Augen geschlossen oder offen hatte, denn diese Duesternis war undurchdringlich. Gluecklicherweise durften wir die Lampen dann wieder anmachen und betrachteten noch einmal ausfuehrlich die Arbeitsplattform, wobei ich in stiller Bewunderung daran dachte, dass die Minenarbeiter dort auf beschraenktem Raum mit aeusserst schweren Bohrern hantieren muessen. Kurz vor Beendigung unserer Besichtigung zeigte Ramon uns noch zwei Steine, einen Sulfitstein und einen Quarzstein, in denen die Goldanteile mit blossem Auge klar zu erkennen waren. Der Wert des Quarzsteins war laut der Geologen geschaetzte 1000 Euro, nur leider zu gross und klobig fuer meine Hosentasche. Auf dem Fussweg hinauf nach gut zwei Stunden untertage, spuerte ich den starken Wind an meinem blauen Kittel den Schacht hinunter wehen noch bevor an Tageslicht ueberhaupt zu denken war. Mit jeder weiteren Biegung des Schachts nahm die Windstaerke zu und hinter einer langen Linkskurve waren die ersten natuerlichen Lichtstrahlen zu erkennen. Die letzte Biegung und die verbleibenden Schritte gerade aus hinter sich gebracht, traten wir zurueck ins gleissende Tageslicht. Die abschliessende Routinekontrolle, ob wir auch nicht einen Stein eingesteckt hatten, dauerte auch nur einen Moment und schon waren wir auf dem Weg zurueck ins Touristenbuero um Helm, Gurt, Lampe, Kittel, Stiefel und Sauerstoffnotfall-Paket zurueckzugeben und von dort zur die Trotrostation aufzusuchen. Einmal mehr war ich Bugs sehr dankbar, dass er wie auch schon beim Canopy Walk seine Angst fuer unser Abenteuer verdraengt hatte, denn eigentlich ist "Untertage-Gehen", genauso wie in schwindelerregenden Hoehen wandeln, ueberhaupt nicht seine Sache.
Die Wartezeit war um einiges geringer als am Tag zuvor und wir nutzten sie um vor Fahrtbeginn noch eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen. Um zwoelf Uhr startete dann auch das Trotro und angesichts der Motorengeraeusche aeusserte Bugs seine Bedenken, ob wir damit tatsaechlich nach Mankessim kommen wuerden. Beim Verlassen Obuasis stimmten Bugs und ich darin ueberein, dass Obuasi einen gewissen Charme ausstrahlt, was bisher mit Abstrichen sonst nur bei Tamale der Fall war. Mit der ca. 80 000 Einwohnern angenehmen Groesse und seiner Lage in Mitten der saftiggruenen Berger der Ashanti Region, war Obuasi auf jeden Fall die Reise wert gewesen. 27 Minuten nach Aufbruch bewahrheitete sich Bugs Befuerchtung; eine Steigung stellte sich fuer unser Fahrzeug als unbezwingbares Hindernis heraus, aber Fortuna war uns hold, direkt hinter uns war ein leeres Trotro, so dass einfach alle ihre Sachen nahmen und von einem ins andere Trotro packten. Ob das Trotro uns als Ersatz gefolgt war oder es schieres Glueck war, dass wir gerade an dieser Stelle liegen blieben, weiss ich nicht, aber es stimmte mich auf jeden Fall sehr froehlich. Wie viele Lieder ich auf der Rueckfahrt hoerte, weiss ich leider nicht, denn eine knappe Halbestunde vor Ankunft in Mankessim war der Akku leer, aber es muessten so um die 70 gewesen sein.
Nur eine Frage liess mich auf dem Rueckweg nicht los, naemlich, wie es sich wohl auf die Foerderleistung der Mine auswirken wuerde, wenn Ghanaer wuessten, dass bei J.R.R. Tolkien, sowie den meisten anderen Fantasy-Autoren die Zwerge das groesste Bergbauvolk sind. Nicht auszumalen was fuer Konsequenzen solches Wissen fuer die Aktienkurse haette.
So weit fuer diese Woche, schau'n mer mal was die Tage so bringen.
Im Trotro nach Mankessim hatte ich das Vergnuegen neben einer sehr ungeduldigen Dame zu sitzen, die sobald das Trotro in Mankessim zu einem Halt gekommen war durch vehementes mir auf das Knie-Tippen signalisierte, dass sie aussteigen wollte, dass die Fahrgaeste in der Reihe vor uns noch nicht ausgestiegen waren und auch ich aussteigen wollte schienen dabei keine Rolle zu spielen. Doch immerhin war sie nicht dick, denn das sind immer die unangenehmsten Trotro-Mitfahrer (Oh nein, war ich jetzt politisch unkorrekt?) Egal, weiter gings!
Auf dem kurzen Fussweg zur naechsten Trotro-Station berichtete mir Bugs von seinem Sitznachbar und deren Unterhaltung und es stellte sich heraus, ich hatte mit der nervoesen Dame kein schlechtes Los gezogen. Denn Bugs Sitznachbar sang ihm das mittlerweile gut bekannte Lied, Deutschland sei rassistisch. Auf Bugs Frage, wie er zu dieser Einschaetzung komme, antwortete der gute Mann, er haette von mehreren Bekannten erfahren, dass es doch tatsaechlich so ist, dass wenn man keine Papiere besitzt, die zum Aufenthalt berechtigen, man ausgewiesen werden kann, einfach so. Schlimm, wenn man in einem funktionierenden Rechtsstaat lebt, oder? (Zu viel Ironie? Ach egal!) Leider hatte ich keine Gelegenheit mit dem Herren zu sprechen, denn sonst haette ich ihn gefragt, ob er denn glaube, dass ich ohne Papiere in Ghana sein duerfe, dass ich keine Arbeitgeber gebundene zeitlich begrenzte Aufenthaltserlaubnis habe.
Die Fahrt von Mankessim nach Cape Coast verbrachten Bugs und ich dann sicherheitshalber als Sitznachbarn - wie angenehm eine Trotro-Fahrt doch sein kann. Dafuer war die Wartezeit in Cape Coast bis das Trotro, das uns zum Nationalpark bringen sollte, voll war nicht annaehernd so angenehm. Warten an sich geht ja, aber wenn dann ein Kind in dreckigen Lumpen um Geld bettelt und ich dem Geber-Impuls nicht nachgeben kann und der Anblick mir eigentlich sehr nahe gehen sollte, wenn ich nicht schon so abgestumpft waere, dann schlaegt das ein wenig auf die Stimmung. Haette das Kind das Geld wirklich gebraucht? Sehr wahrscheinlich. Haette ich Geld geben koennen? Ohne Probleme. Aber wenn ich diesem Kind etwas gebe, warum nicht den Dutzend anderen die mich jede Woche fragen? Wie entscheide ich wer es verdient und wer nicht? Wo ziehe ich die Grenze? Ich ziehe sie ganz klar, indem ich jedem ganz gerecht gar nichts gebe.
Irgendwann war das Trotro gen Twifo-Praso voll und wir fuhren los, im Augenwinkel sah ich da noch wie das bettelnde Kind von einem anderen Kind angegangen wurde, weil es scheinbar eine Muenze geklaut hatte.
An der Auffahrt zum Nationalpark liess uns der Mate aussteigen, das Geschehen von der Station war zu diesem Zeitpunkt bereits wieder erfolgreich verdraengt und die Vorfreude auf das Bevorstehende dominierte.
Da die naechste Begehung des Canopy Walks erst zur vollen Stunde beginnen sollte, nahmen Bugs und ich die Gelegenheit wahr und betrachteten die permanente Ausstellung ueber den Tropenwald. Um 13 Uhr war es dann so weit und unsere Gruppe trat unter Fuehrung des Parkangestellten Ben den Weg zum Canopy Walk an. Auf dem Weg dorthin stoppte Ben an verschiedenen Baeumen um auf deren Eigenschaften und Nutzen hinzuweisen. Besonders einpraegsam war ein Baum der frueher als Kommunikationsmittel genutzt wurde, falls eine Gruppe von Holzsammlern oder Jaegern sich verloren hatte. Weil das Rufen nach den anderen zu gefaehrlich gewesen waere, wurde stets diese besondere Baumart mit den grossen stuetzenden Wurzeln gesucht an die dann mit grosser Lautstaerke geklopft wurde. Der geneigte Leser mag sich nun fragen, aber warum war das Rufen denn so gefaehrlich, nun Ben erklaerte es uns und es ist in der Tat sehr einleuchtend: Die Zwerge haetten es gehoert und die betreffende Person weggezaubert. Da ist es um vieles sicherer an die Wurzeln zu klopfen um seine Position zu signalisieren, weil die Zwerge das bestimmt nicht gehoert haben. Wie dem auch sei, Ben erklaerte das sei frueher so gewesen und heute nicht mehr der Fall. Kurz nach dieser fuer mich sehr erheiternden Episode kamen wir endlich bei der Startplattform des Canopy Walks an.
Der Canopy Walk ist ein von zwei Kanadiern gebauter 330 m langer Weg, den sie (so erklaerte es Mira, die schon drei Mal da gewesen war) zur besseren Beobachtung von Schmetterlingen errichtet haben. Die Besonderheit des Weges, er befindet sich in ca. 40 m Hoehe auf sieben Haengebruecken zwischen den Baumwipfeln.
Grossen Respekt zolle ich nach wie vor Bugs, der sich trotz Hoehenangst mit mir auf die wackeligen Bretter ueber dem tropischen Blaetterdach wagte. In Erinnerung an den ein oder anderen Ski- und Mountainbike-Urlaub mit meinem Bruder musste ich auf einer der Baumplattformen einfach die einmalige Gelegenheit nutzen und ein Bild machen, mit Ausblick, wenn du weisst was ich mein Timo ;) Fuer mich war es also vor allem ein riesen Spass, waehrend es fuer Bugs doch ein wenig nervenaufreibend war. Aber er schlug sich dennoch beachtlich, anders als die drei Daenen unserer Gruppe, die doch eine ganze Weile brauchten um die bis zu 60 m langen Bruecken zu ueberqueren.
Donnerstags verkleinerte sich unsere Wohngemeinschaft um eine weitere Person, denn Enrico machte sich auf nach Elmina, um dort mit seinen Eltern zusammenzutreffen, die nach Wiedereroeffnung des europaeischen Luftraums tags zuvor doch noch nach Ghana fliegen konnten. So blieben dann nur noch Bugs und ich in Ajumako zurueck.
Doch das Hochleistungs-Entspannen fuer uns beide beschraenkte sich auf Freitag und Samstag.
Sonntags naemlich hiess es Sachen packen, ab nach Obuasi, ab zu den Goldminen. Sonntage sind generell, pauschalisiert, ganz frech verallgemeinert nicht die besten Tage um in Ghana irgendwohin zu reisen, denn Ghanaer reisen eher unter der Woche, die Trotros fahren aber unveraendert immer erst los, wenn sie voll besetzt sind, so dass es an Sonntagen noch einmal deutlich laenger dauert als unter der Woche bis das Trotro voll und fahrtbereit ist. So kamen Bugs und ich also nach Mankessim und stellten zu unserer Freude fest, dass es ein Trotro direkt nach Obuasi gibt. Leider sassen aber erst drei Fahrgaeste darin, d.h. es waren noch 15 Plaetze frei.Waehrnd ich im Trotro sass, liess ich meinen Blick ein wenig schweifen.
Die Trotro-Station trocken, staubig, bis auf die schmalen Schattenstreifen der Fahrzeuge bietet sich keine Fluchtmoeglichkeit vor der unerbittlich brennenden Sonne, lediglich die leichte Brise verschafft den Verkaeufern, die ihre Waren auf dem Kopf tragend lautstark anpreisen, ein wenig Linderung. Die Sekunden verstreichen, die Minuten werden zu Stunden und die Schatten werden laenger und laenger, nur das sich mir bietende Bild bleibt unveraendert, gefangen zwischen staubiger Langeweile und trockener Zynik.
Irgendwann war das Trotro dann doch voll und nachdem auch die letzte Frau ihre Naturheilmedizin mehr oder weniger erfolgreich verkauft hatte (in solchen Situation sind unsere deutschen Simultanverkaufsgespraeche stets voller Inronie) setzte sich das Trotro endlich in Bewegung. Nach drei Stunden oder 63 Liedern auf meinem Ipod hiess uns ein Schild willkommen in Obuasi "The Golden City". Ein Hotel und Abendessen waren schnell gefunden und wir liessen den Tag ruhig ausklingen.
Frueh am Morgen machten wir uns auf zum Buero der Minengesellschaft (Anglo Gold Asante, deren Aktien an der Londoner und New Yorker Boerse gehandelt werden) um eine Besichtigung der Minen vorzunehmen. Nach kurzer Verwirrung fanden wir letztlich doch von der Rezeption zum Haupttor und dem Touristenbuero, wo wir eingekleidet wurden und einen Blick in den kaerglich eingerichteten Ausstellungsraum (nur Fotos von Cricket- und Tennismannschaft anno 1938, natuerlich nur Weisse durften nicht fehlen, Rassismus kotzt mich an) warfen. Kaum war das Fahrzeug und unser Minenfuehrer organisiert, fuhren wir zum aeltesten Schacht der seit 1887 operierenden Mine. Der Sansu-Schacht wird jetzt vor allem als Unterrichtsschacht genutzt. Der fuer Touristen zugaengliche Schacht fuehrte uns in eine Tiefe von 800 Feet und ist mit fuenf Theorie-Unterrichtsraeumen und genuegend Felswaenden fuer die Praxis-Uebungen ausgestattet. Wir bekamen einen Einblick in die Arbeitsumgebung in der unser sympathischer Minenfuehrer Ramon und die anderen Kumpeln in acht Stundenschichten rundum die Uhr arbeiten, jedoch nicht nur in einer Tiefe von laecherlichen 800 Feet, sondern bis zu 5200 Feet tief unter der Erdoberflaeche. Am Fusse einer Arbeitsplattform bat uns Ramon unsere Kopfleuchten auszuschalten und ploetzlich war es finster, schwarz - die Worte beschreiben es nicht einmal annaehernd, es war als waer ich umgeben von nichts, es machte keinen Unterschied, ob ich die Augen geschlossen oder offen hatte, denn diese Duesternis war undurchdringlich. Gluecklicherweise durften wir die Lampen dann wieder anmachen und betrachteten noch einmal ausfuehrlich die Arbeitsplattform, wobei ich in stiller Bewunderung daran dachte, dass die Minenarbeiter dort auf beschraenktem Raum mit aeusserst schweren Bohrern hantieren muessen. Kurz vor Beendigung unserer Besichtigung zeigte Ramon uns noch zwei Steine, einen Sulfitstein und einen Quarzstein, in denen die Goldanteile mit blossem Auge klar zu erkennen waren. Der Wert des Quarzsteins war laut der Geologen geschaetzte 1000 Euro, nur leider zu gross und klobig fuer meine Hosentasche. Auf dem Fussweg hinauf nach gut zwei Stunden untertage, spuerte ich den starken Wind an meinem blauen Kittel den Schacht hinunter wehen noch bevor an Tageslicht ueberhaupt zu denken war. Mit jeder weiteren Biegung des Schachts nahm die Windstaerke zu und hinter einer langen Linkskurve waren die ersten natuerlichen Lichtstrahlen zu erkennen. Die letzte Biegung und die verbleibenden Schritte gerade aus hinter sich gebracht, traten wir zurueck ins gleissende Tageslicht. Die abschliessende Routinekontrolle, ob wir auch nicht einen Stein eingesteckt hatten, dauerte auch nur einen Moment und schon waren wir auf dem Weg zurueck ins Touristenbuero um Helm, Gurt, Lampe, Kittel, Stiefel und Sauerstoffnotfall-Paket zurueckzugeben und von dort zur die Trotrostation aufzusuchen. Einmal mehr war ich Bugs sehr dankbar, dass er wie auch schon beim Canopy Walk seine Angst fuer unser Abenteuer verdraengt hatte, denn eigentlich ist "Untertage-Gehen", genauso wie in schwindelerregenden Hoehen wandeln, ueberhaupt nicht seine Sache.
Die Wartezeit war um einiges geringer als am Tag zuvor und wir nutzten sie um vor Fahrtbeginn noch eine Kleinigkeit zum Essen zu kaufen. Um zwoelf Uhr startete dann auch das Trotro und angesichts der Motorengeraeusche aeusserte Bugs seine Bedenken, ob wir damit tatsaechlich nach Mankessim kommen wuerden. Beim Verlassen Obuasis stimmten Bugs und ich darin ueberein, dass Obuasi einen gewissen Charme ausstrahlt, was bisher mit Abstrichen sonst nur bei Tamale der Fall war. Mit der ca. 80 000 Einwohnern angenehmen Groesse und seiner Lage in Mitten der saftiggruenen Berger der Ashanti Region, war Obuasi auf jeden Fall die Reise wert gewesen. 27 Minuten nach Aufbruch bewahrheitete sich Bugs Befuerchtung; eine Steigung stellte sich fuer unser Fahrzeug als unbezwingbares Hindernis heraus, aber Fortuna war uns hold, direkt hinter uns war ein leeres Trotro, so dass einfach alle ihre Sachen nahmen und von einem ins andere Trotro packten. Ob das Trotro uns als Ersatz gefolgt war oder es schieres Glueck war, dass wir gerade an dieser Stelle liegen blieben, weiss ich nicht, aber es stimmte mich auf jeden Fall sehr froehlich. Wie viele Lieder ich auf der Rueckfahrt hoerte, weiss ich leider nicht, denn eine knappe Halbestunde vor Ankunft in Mankessim war der Akku leer, aber es muessten so um die 70 gewesen sein.
Nur eine Frage liess mich auf dem Rueckweg nicht los, naemlich, wie es sich wohl auf die Foerderleistung der Mine auswirken wuerde, wenn Ghanaer wuessten, dass bei J.R.R. Tolkien, sowie den meisten anderen Fantasy-Autoren die Zwerge das groesste Bergbauvolk sind. Nicht auszumalen was fuer Konsequenzen solches Wissen fuer die Aktienkurse haette.
So weit fuer diese Woche, schau'n mer mal was die Tage so bringen.
Freitag, 23. April 2010
Survival, Sterne und Selffulfilling Prophecies
Am Montag (12.04.) sahen wir uns vormittags mit der Frage konfrontiert, was sollten wir am Nachmittag mit den Kindern anstellen. Normalerweise waere das eine Angelegenheit von wenigen Minuten gewesen, zwei nach Abowinum und zwei nach Ankukrom um Sport mit den Kindern zu machen, aber die Woche zuvor hatte die Direktorin der Schule in Abowinum gesagt aufgrund der Examen sei es nicht noetig, dass wir kaemen. Also konnten wir zu viert nach Ankukrom gehen, blieb nur zu klaeren was wir tun wuerden. Inspiriert von unvergesslichen Grundkurs-Sportstunden schlug ich vor einen Parcour zu bauen, den eine Mannschaft durchlaufen muss, waehrend die andere versucht diese abzuwerfen. Die verschiedenen Parcourbestandteile waren schnell erdacht und eine grobe Skizze des Parcours gezeichnet, so dass einem spannungsreichem Nachmittag nichts mehr im Weg stand. Die Kinder hatten einen riesen Spass beim Spielen, auch weil die Wurfdistanz eher selten eingehalten wurde und eher haeufig auch aus kurzer Entfernung mit grosser Kraft Ball auf Koerper traf, den Enthusiasmus und die gezeigte Energie allein auf meine inspirierende Rede vom "Survival Of The Fittest" zurueckzufuehren, waer doch zu viel des Gutens. Nach jeweils einem Lauf fuer beide Mannschaften, beschlossen wir, dass wir froh sein konnten, dass noch niemand verletzt war und es klueger sei, das Glueck nicht herauszufordern. Also wurden die Kunststoffstuehle, die elementare Teile des Parcours darstellten, zusammengepackt und statt einer weiteren Runde "Survival Of The Fittest" spielten wir nun Voelkerball. Auch ein Spiel das mir die Oberstufenzeit zu versuessen wusste.
Der Dienstag stand ganz im Zeichen der Sterne. Ausgestattet mit 20 Yard dunkelblauem Stoff und genuegend gelbem Bastelpapier durften unsere Kids Club Teilnehmern in Ankukrom so viele Sterne und Sternschnuppen zeichnen und ausschneiden wie sie nur wollten. Wir befestigten dann per Tacker und Faden die Sterne am Stoff und fertigten so mit den Kindern unser eigenes Himmelszelt. Dieses brachten wir mit viel Aufwand im Recreational Room an, wofuer wir das erste Mal ueberhaupt in diesem Jahr Dank und Applaus von unseren Kindern erhielten. So schoen die Anerkennung unserer Bemuehung auch war, blieb doch unsicher, wie lange der Sternenhimmel dort unbeschadet haengen wuerde.
Da wir uns selbstverstaendlich der Emanzipation und Gleichberechtigung gaenzlich verschrieben haben, fanden wir uns am Mittwoch fruehzeitig an der Schule in Ankukrom ein, so dass Mira beim Frauenfussballspiel teilnehmen waehrend wir am schattigen Spielfeldrand sassen. Das Spiel war ins Leben gerufen worden, weil es der Direktor (und die restliche Lehrerschaft?) fuer ungerecht hielt, dass die Jungs am Freitag zuvor gespielt hattten, ohne dass die Maedchen zum Zug gekommen waren. Zudem habe ich die Vermutung, dass der Direktor Mira auf diese Weise noch einmal willkommen heissen wollte. Da das Spiel, wie sollte es anders sein, spaeter als geplant begann (die Spielerinnen mussten das Gras erst auf eine bespielbare Laenge kuerzen), nutzten wir die Gelegenheit um erst unseren Sternenhimmel, der mir tags zuvor nicht annaehernd so gut gefallen hatte, in Augenschein zu nehmen und danach auch den Headmaster darauf hinzuweisen.
Das Spiel gewannen die Maedchen der Junior High School mit 1:0, auch Mira mochte die Niederlage der Grundschulmaedchen nicht zu verhindern. Stehe ich (ein wenig chauvinistisch wie ich bin) Frauenfussball insgesamt skeptisch gegenueber, so liess ich mir das im Gegensatz zu den zuschauenden Schuelern, die vor allem zu Beginn des Spiels jedes "Ueber-den-Ball-Treten" mit johlendem Gelaechter bedachten, nicht im geringsten anmerken und machte gute Miene zum schlechten Spiel.
Nach dem Spiel kam noch einmal der Sternenhimmel zur Sprache, aber nicht so wie wir es uns erhofften. Denn anstatt lobender oder dankender Worte, riet er uns den muehevoll aufgehaengten Sternenhimmel direkt wieder abzuhaengen um zu verhindern, dass er heruntergerissen wird. Zusaetzlich schaltete sich Jethrow (Lehrer) ins Gespraech ein, der sich unsere Arbeit nicht einmal angesehen hatte und lachend ueber die Dorfleute folgendes sagte: "Oh they will tear it down and sit on it. They're like animals." Ich meine "sit on it" und nicht "shit on it" verstanden zu haben (aber ich koennte mir das auch einreden). Allen Ratschlaegen zum Trotz beliessen wir die Sterne und die Tuecher wie sie waren und versuchten Optimismus hinsichtlich der Lebensdauer unseres Himmels zu verbreiten. Einmal mehr war es sehr ernuechternd zu sehen welche Einstellung die Lehrer sowohl ihren Schuelern als auch dem Dorf gegenueber haben. Ich musste unweigerlich an das Prinzip der "Selffulfilling Prophecy" denken, die Erwartungen die man Menschen entgegenbringt spiegeln sich in deren Verhalten und Leistungen wider.
Donnerstagvormittag fanden wir uns noch einmal fuer eine ganze Weile in der Schule ein um die Schueler in die Ferien zu verabschieden und den Prueflingen (JHS Klasse 3 Distriktpruefungen finden in den Ferien statt) viel Erfolg zu wuenschen. Und dann begannen auch fuer uns die Urlaubstage, zumindestens bis zum 1. Mai, dann werden wir die Arbeit wieder aufnehmen.
Den ersten freien Tag nutzten wir um Inken aus Elmina fuer ein gemuetliches Nachmittagspicknick auf unsere Piratenschatzinsel der Glueckseligkeit einzuladen. Den Abend verbrachten wir mit einer hochprozentigen Akpeteshie-Cola-Mischung, die gluecklicherweise keinen Kopfschmerzen oder sonstige Nebenwirkungen hervorruft.
Die folgenden Tage waren ein Idealbild der Gelassenheit und Ruhe, lesen, Sport und ein wenig Satellitenfernsehen. Wodurch wir auch auf Islands neuste Globalattacke aufmerksam wurden (als waere der Bankenzusammenbrueche und beinahe Staatsbankrott nicht schon genug, jetzt muss auch noch die Natur Island in Verruf bringen), was auch direkte Auswirkungen auf uns hier in Ajumako hatte. Wie Millionen andere Fluggaeste konnte naemlich Enricos Familie nicht wie geplant ihren Flieger besteigen und ihren Besuch in Ghana antreten.
Erst der Dienstag (20.04.) brachte Bewegung in unsere entspannten Urlaubstage, Mira brach nach Accra auf um von dort mit einem anderen Freiwilligen eine kleine Ghanareise zu starten. Zuvor jedoch hatte eine Mitarbeiterin unserer Entsendeorganisation uns eine Visite abgestattet um eine Neugliederung unserer Arbeitssituation in die Wege zu leiten. Da unsere lokale Partnerorganisation kein Interesse an unserer Arbeit oder sonstiger Kooperation zeigte und weder telefonisch noch persoenlich zu erreichen war, wird diese Verbindung aller Wahrscheinlichkeit terminiert werden und eine direkte Anbindung an unsere Schulen geschaffen werden. Wir vier begruessten das sehr und hoffen, dass es sich positiv auf unsere Arbeit auswirken wird.
Wirklich nervenaufreibend wurde es am Mittwoch, aber davon ein ander Mal.
Der Dienstag stand ganz im Zeichen der Sterne. Ausgestattet mit 20 Yard dunkelblauem Stoff und genuegend gelbem Bastelpapier durften unsere Kids Club Teilnehmern in Ankukrom so viele Sterne und Sternschnuppen zeichnen und ausschneiden wie sie nur wollten. Wir befestigten dann per Tacker und Faden die Sterne am Stoff und fertigten so mit den Kindern unser eigenes Himmelszelt. Dieses brachten wir mit viel Aufwand im Recreational Room an, wofuer wir das erste Mal ueberhaupt in diesem Jahr Dank und Applaus von unseren Kindern erhielten. So schoen die Anerkennung unserer Bemuehung auch war, blieb doch unsicher, wie lange der Sternenhimmel dort unbeschadet haengen wuerde.
Da wir uns selbstverstaendlich der Emanzipation und Gleichberechtigung gaenzlich verschrieben haben, fanden wir uns am Mittwoch fruehzeitig an der Schule in Ankukrom ein, so dass Mira beim Frauenfussballspiel teilnehmen waehrend wir am schattigen Spielfeldrand sassen. Das Spiel war ins Leben gerufen worden, weil es der Direktor (und die restliche Lehrerschaft?) fuer ungerecht hielt, dass die Jungs am Freitag zuvor gespielt hattten, ohne dass die Maedchen zum Zug gekommen waren. Zudem habe ich die Vermutung, dass der Direktor Mira auf diese Weise noch einmal willkommen heissen wollte. Da das Spiel, wie sollte es anders sein, spaeter als geplant begann (die Spielerinnen mussten das Gras erst auf eine bespielbare Laenge kuerzen), nutzten wir die Gelegenheit um erst unseren Sternenhimmel, der mir tags zuvor nicht annaehernd so gut gefallen hatte, in Augenschein zu nehmen und danach auch den Headmaster darauf hinzuweisen.
Das Spiel gewannen die Maedchen der Junior High School mit 1:0, auch Mira mochte die Niederlage der Grundschulmaedchen nicht zu verhindern. Stehe ich (ein wenig chauvinistisch wie ich bin) Frauenfussball insgesamt skeptisch gegenueber, so liess ich mir das im Gegensatz zu den zuschauenden Schuelern, die vor allem zu Beginn des Spiels jedes "Ueber-den-Ball-Treten" mit johlendem Gelaechter bedachten, nicht im geringsten anmerken und machte gute Miene zum schlechten Spiel.
Nach dem Spiel kam noch einmal der Sternenhimmel zur Sprache, aber nicht so wie wir es uns erhofften. Denn anstatt lobender oder dankender Worte, riet er uns den muehevoll aufgehaengten Sternenhimmel direkt wieder abzuhaengen um zu verhindern, dass er heruntergerissen wird. Zusaetzlich schaltete sich Jethrow (Lehrer) ins Gespraech ein, der sich unsere Arbeit nicht einmal angesehen hatte und lachend ueber die Dorfleute folgendes sagte: "Oh they will tear it down and sit on it. They're like animals." Ich meine "sit on it" und nicht "shit on it" verstanden zu haben (aber ich koennte mir das auch einreden). Allen Ratschlaegen zum Trotz beliessen wir die Sterne und die Tuecher wie sie waren und versuchten Optimismus hinsichtlich der Lebensdauer unseres Himmels zu verbreiten. Einmal mehr war es sehr ernuechternd zu sehen welche Einstellung die Lehrer sowohl ihren Schuelern als auch dem Dorf gegenueber haben. Ich musste unweigerlich an das Prinzip der "Selffulfilling Prophecy" denken, die Erwartungen die man Menschen entgegenbringt spiegeln sich in deren Verhalten und Leistungen wider.
Donnerstagvormittag fanden wir uns noch einmal fuer eine ganze Weile in der Schule ein um die Schueler in die Ferien zu verabschieden und den Prueflingen (JHS Klasse 3 Distriktpruefungen finden in den Ferien statt) viel Erfolg zu wuenschen. Und dann begannen auch fuer uns die Urlaubstage, zumindestens bis zum 1. Mai, dann werden wir die Arbeit wieder aufnehmen.
Den ersten freien Tag nutzten wir um Inken aus Elmina fuer ein gemuetliches Nachmittagspicknick auf unsere Piratenschatzinsel der Glueckseligkeit einzuladen. Den Abend verbrachten wir mit einer hochprozentigen Akpeteshie-Cola-Mischung, die gluecklicherweise keinen Kopfschmerzen oder sonstige Nebenwirkungen hervorruft.
Die folgenden Tage waren ein Idealbild der Gelassenheit und Ruhe, lesen, Sport und ein wenig Satellitenfernsehen. Wodurch wir auch auf Islands neuste Globalattacke aufmerksam wurden (als waere der Bankenzusammenbrueche und beinahe Staatsbankrott nicht schon genug, jetzt muss auch noch die Natur Island in Verruf bringen), was auch direkte Auswirkungen auf uns hier in Ajumako hatte. Wie Millionen andere Fluggaeste konnte naemlich Enricos Familie nicht wie geplant ihren Flieger besteigen und ihren Besuch in Ghana antreten.
Erst der Dienstag (20.04.) brachte Bewegung in unsere entspannten Urlaubstage, Mira brach nach Accra auf um von dort mit einem anderen Freiwilligen eine kleine Ghanareise zu starten. Zuvor jedoch hatte eine Mitarbeiterin unserer Entsendeorganisation uns eine Visite abgestattet um eine Neugliederung unserer Arbeitssituation in die Wege zu leiten. Da unsere lokale Partnerorganisation kein Interesse an unserer Arbeit oder sonstiger Kooperation zeigte und weder telefonisch noch persoenlich zu erreichen war, wird diese Verbindung aller Wahrscheinlichkeit terminiert werden und eine direkte Anbindung an unsere Schulen geschaffen werden. Wir vier begruessten das sehr und hoffen, dass es sich positiv auf unsere Arbeit auswirken wird.
Wirklich nervenaufreibend wurde es am Mittwoch, aber davon ein ander Mal.
Montag, 12. April 2010
Ostern, Zwerge und Spass
Den letzten Eintrag veroeffentlichte ich aus Cape Coast, wo wir den Ostersamstag damit verbrachten Einkaeufe fuer unsere Wohnung und geplante Aktivitaeten mit unseren verschiedenen Klubs zu machen. Nach Erledigung der Einkaeufe verweilten wir noch geraume Zeit im Internetcafe, wo mir trotz einer sehr schnellen Verbindung doch nicht mehr gelang als gewoehnlich auch und aufgrund einer alten Browserversion es mir nicht einmal moeglich war die schnelle Verbindung zum Hochladen von Fotos zu nutzen.
Am Abend kam unsere neue Mitbewohnerin Mira mit ihren Gaesten von ihrer einwoechigen Reise zurueck und der Tag fand seinen Abschluss bei einem Bierchen im Jimmycom Spot. Der Abend gab mir Anlass mir einmal mehr Gedanken ueber die ghanaische Gesellschaft zu machen. Dieses Mal insbesondere der Aspekt der Homophobie, Ghana so wurde es mir erklaert sei ein zutiefst homophobes Land, was mir angesichts des Beobachtetens am Samstag doch reevaluationsbeduerftig erschien. Denn die jungen ghanaischen Maenner in der Bar tanzten ausschliesslich untereinander (was auch mit dem offensichtlichen Mangel an Frauen zusammenhaengen koennte, aber dessen haetten die Herren mit Sicherheit ohne grosse Probleme Ablass schaffen koennen) und zwar aeusserst lasziv. Der Mangel an Frauen erklaerte fuer mich auch nicht, warum die Maenner miteinander in gleicher Manier tanzten wie sie es mit Frauen getan haetten. Haette ich das mir dargebotene in einer deutschen Bar gesehen, so waere ich der Ueberzeugung gewesen in einer Schwulenbar zu sein. Allein der Gedanke einer Schwulenbar in Ghana ist jedoch abwegig, geradezu absurd; und eben darin liegt fuer mich die Erklaerung fuer das Verhalten der jungen Maenner, die so ungezwungen und koerperbetont miteinander tanzen. Keiner der jungen Maenner kaeme auf die Idee der andere sei homosexuell (wahrscheinlich kennt man sogar die Partnerin des anderen), die unbedingte Heterosexualitaet bildet vielmehr das Fundament ihrer taenzerischen Freiheit. Allen Tanzens zum Trotz fanden einige noch Gelegenheit vor allem Enrico aufgrund seines unguenstigen Sitzplatzes am Kopfende unseres Tisches unvermittelt und recht unverfroren nach Getraenken zu fragen. Ein wenig entnervt machten wir uns nach nicht allzu langer Zeit wieder auf den Heimweg um dort wohlverdienten Schlaf zu finden.
Am Ostersonntag folgten Bugs, Enrico und ich einer Einladung unseres Schuldirektors der Ankukrom-Schule in sein Heimatdorf, waehrend Mira ihre Gaeste ein letztes Mal an den Strand fuehrte. Vor dem Mittagessen sprach Bugs noch einmal die erhaltenen Geschenkpakete der Kinder an und der Direktor vermochte es mir persoenlich ein wenig Freude zu bereiten, als er sagte er sorge dafuer, dass die Kinder Dankesbriefe schrieben und er selbst auch dabei sei einen solchen zu verfassen. Die Fuehrung durch das Dorf im Anschluss an das Mittagessen gestaltete sich wie der gesamte Besuch sehr kurzweilig, denn nebst des durch neue Brunnen verdraengten ehemaligen Platz zum Wasserholen, gewannen wir einen Einblick in die Spielgewohnheiten der Zwerge. Von der Existenz dieser kleinen magischen Wesen scheinen bisher alle von mir befragten Ghanaer ueberzeugt zu sein. Die Zwerge geniessen aber einen eher zweifelhaften Ruf, denn mir wurde gesagt ich solle mich vor ihnen in Acht nehmen, schliesslich wolle ich nicht von einer Sekunde auf die andere an einen fremden, mir gaenzlich unbekannten Ort gezaubert werden. Gluecklicherweise ziehe ich es vor nachts zu schlafen und nicht durch den Regenwald zu wandern, sonst waere ich bestimmt schon Zwergen begegnet. Wie dem auch sei, nahe der Grundschule, die unser Direktor in seiner Kindheit besucht hatte, steht naechst eines von eben jenem gepflanzten Mangobaums, ein weiterer alter Baum zu dessen Fuessen eine handvoll grosser, massiver Steine liegen. Auf welchen deutliche Vertiefungen zu sehen sind, so ebenmaessig und formvollendet, wie von Zauberhand (oder doch eher Zwergenhand?) geschaffen. So zumindest die Erklaerung unseres Gastgebers, der uns versicherte die Zwerge spielten dort in der Nacht ein in Ghana beliebtes Spiel mit Murmeln. Das Schmunzeln des Direktors liess mich nicht erschliessen, ob er selbst nicht an die Zwerge glaube oder ueber unsere Unglaeubigkeit ein wenig laecheln musste. Waren wir zu Beginn der Dorffuehrung nur in Begleitung unseres aufmerksamen Gastgebers, so aenderte sich das bald und es gesellten sich alte Schulfreunde des Direktors, so wie der Sohn des lokalen Chiefs hinzu, so dass wir schnell drei zusaetzliche Begleiter gefunden hatten. Dabei mag vor allem die Aussicht auf Akpeteshie sich positiv auf die Maenner ausgewirkt haben. Im Hinblick darauf, dass wir Mira noch keinen Haustuerschluessel anvertraut hatten, verliessen wir am spaeten Nachmittag unseren mittlerweile durch alte Schulgeschichten aufs Beste unterhaltenen Gastgeber und kehrten nach Ajumako zurueck.
Der Ostermontag stellte die Wende dar. Das fliessende Wasser kehrte zurueck und beendete unsere ganz persoenliche Trockenzeit, und das mit ueberzeugendem Timing, denn ich hatte nur noch zwei frische Boxershorts. Gerade noch einmal gut gegangen. Ansonsten verbrachten wir einen geruhsamen Montag zu dritt, denn Mira hatte sich frueh morgens mit ihren beiden Gaesten (von denen zumindest eine versprach kuenftig den Blog zu lesen, aber als Studentin hat man ja bestimmt genug Zeit :D) nach Accra begeben um sie zum Flughafen zu bringen.
Am Dienstag stellten wir unsere Kids Club Teilnehmer in Ankukrom vor die Aufgabe sich ihren Schulalltag einmal genau vorzustellen und uns nennenswerte Momente aufzulisten. Auf unsere Anweisung hin nahmen die Kinder dann entsprechende Positionen ein und stellten die zuvor genannten Momente nach. Die davon gemachten Aufnahmen werden wir dann auf Poster aufkleben, mit entsprechenden Schriftzuegen versehen und im Klassenzimmer anbringen. Lediglich, dass meine Kamera vom Tisch fiel und kaputt ging, truebte meine Laune ein wenig. Meine am Abend zuvor begonnene Erkaeltung wollte sich wider Erwarten nicht bessern, sondern wurde im Gegenteil im Laufe des Tages immer schlimmer, so dass ich mich nach dem Abendessen mit Kopfschmerzen und Fieber direkt ins Bett begab und dort fuer mehr als 12 Stunden blieb.
Am Mittwochnachmittag verbrachte ich ausgeschlafen und verhaeltnismaessig fit mit meinen Kollegen einen sehr lustigen Kids Club in Abowinum, wo wir mit unseren Kindern Bingo spielten. Paedagogisch wertvoll hatten wir das Bingo-Spiel modifiziert, so dass es nicht um Zahlen, sondern englische Begriffe und Objekte ging. Mal mussten die Kinder es nur akkustisch verstehen, mal mussten sie es von der Tafel lesen, mal durch einen umschreibenden Satz erkennen welcher Begriff gesucht war und mal aus einer mehr oder weniger kohaerenten Geschichte die Begriffe herausfiltern. Bei allem Spass den wir dabei hatten, sollte der Donnerstag das allerdings noch um einiges ueberbieten.
Donnerstags hatten wir uns eine Besonderheit fuer unseren Youth Club ausgedacht und zwar eine kleine Olympiade mit noch nie gesehenen Disziplinen. Eroeffnet wurden die Spiele durch Staffellaeufe (Huckepack und Schubkarre stachen die dritte Laufdisziplin des eingeklemmten Balls zwischen zwei Ruecken deutlich aus). Den Staffellaeufen folgte bei den Maennern das Lattenschiessen, waehrend die Frauen es mit Lattenwerfen versuchen durften. Im Anschluss daran ging es ans Gruppenseilspringen, wo einige Teilnehmer der Turnierleitung gegenueber Beschwerde aufgrund heisser Fuesse einlegten, da jedoch keine Wettbewerbsverzerrung vorlag wurde dieser nicht stattgegeben. Die vierte Aufgabe erforderte ein ruhiges Haendchen, scharfe Augen, gute Nerven und ein wenig Wurfkraft: Dosenwerfen (in Ermangelung von Dosen hatten wir kleine 0,5 l Kunststoffflaschen zur Hand genommen). Dabei lieferte Omane uns allen unfreiwillig das Highlight des Tages, indem er beim Versuch mit dem Baseball eine der neun Flaschen zu treffen mit einiger Wucht den Ball an eine Kante warf, von welcher der Ball direkt zurueck an seine Stirn prallte. Unverletzt nur sichtlich verdutzt, konnte er unser aller (Organisatoren wie Athleten) Gelaechter ohne Zweifel nachvollziehen und musste selbst ein wenig grinsen. Die naechste Herausforderung war das Elfmeterschiessen, was wiederum nach Geschlechtern getrennt ablief. Die fuenfte Disziplin war das Bowling, was Gelegenheit gab sich ein wenig zu sammeln und fuer die letzten zwei Schwierigkeiten zu kraeftigen. Die vorletzte Disziplin forderte die Athleten auf besondere Weise, denn es galt aus dem Handstand heraus per Strohhalm so schnell wie moeglich eine vorgegebene Menge Wasser aus einem Becher zu trinken. Allen Beteuerung zum Trotz sie seien dazu nicht im Stande, wagten sich im Endeffekt alle Sportler an die Aufgabe. Die abschliessende Aufgabe legte sich wie folgt dar: Der Athlet sollte sich 20 mal schnell um einen kleinen Stock drehen und danach auf vorgelegter Linie so weit wie moeglich gerade aus laufen. Nachdem bereits die erste Athletin nach zehn Umdrehungen dem Vertigo nachzugeben hatte, entschloss sich die Turnierleitung auch auf vehementes Draengen der restlichen Athleten hin die Umdrehungszahl auf 15 zu begrenzen. Unabhaengig davon drehten sich die Sportler ein wenig langsam, was ihnen aber auch nicht weiterhalf, mehr als vier Meter ging keiner gerade aus. Ein wenig unglaeubig angesichts solch schwacher Ergebnisse, spuerte ich ein grosses Verlangen es selbst auszuprobieren und drehte mich so schnell wie keiner unser Teilnehmer 15 mal um den Stock und versuchte danach gerade aus zu laufen, ich schaffte keine zwei Schritte und nur helfende Haende verhinderten einen Sturz. Aber Spass hat's trotzdem nicht nur mir gemacht. War nach Beendigung des Drehens bei den Frauen das Klassement eindeutig und die drei ersten Plaetze klar verteilt, mussten zwei Maenner ein entscheidendes Spiel um den Sieg antreten. Es kam also zum finalen "Starrkampf" die beiden Athleten sassen sich gegenueber und wer zuerst anfing zu lachen, laecheln oder den Blick abzuwenden hatte verloren. Den kroenenden Abschluss eines spassgeladenen Nachmittags bildete die Siegerehrung mit unseren gebastelten Medaillen fuer unsere Sieger.
Der Freitag stand dann im Zeichen einer echten Sportart, naemlich Fussball. Fuer die Uebergabe der von Bugs' altem Verein gespendeten Trikots (vor ca. drei Wochen) waren zwei weitere Schulen eingeladen worden, eine der beiden war fuer diesen Freitag als Gastgeber eines weiteren Turniers auserwaehlt worden. Vorgesehen war es, dass die Schueler sich nach den Examen gemeinsam mit den Lehrern zur anderen Schule begeben sollten. Durch unseren Direktor jedoch erfuhren wir, dass die gastgebende Schule die Examensfragen verspaetet erhalten hatten, weshalb das Turnier auf ein anderes Datum verschoben werden musste. Da den Schuelern aber Fussball versprochen worden war und Unterricht nicht eingeplant war, wurde kurzer Hand ein Spiel zwischen Primary und Junior High organisiert. Wirkte das vielleicht auf den ersten Blick ungerecht, so relativierte sich das schnell, denn zwei Lehrer so wie Bugs und Enrico spielten in den Reihen der Grundschueler und leisteten beide mit je einem Treffer ihren Beitrag zum verdienten Sieg der Grundschueler.
Auch ich haette meine Schuhe fuer die Primary schnueren sollen, aber meine Erkaeltung liess das noch nicht zu, so dass ich an der Seitenlinie die Gelegenheit nutzte um mich beim Direktor noch einmal nach den Zwergen zu erkundigen. Auf meine Nachfrage, ob er persoenlich an die Existenz von Zwergen glaube, erwiderte er zaghaft verneinend, denn er habe selbst noch keine Zwerge gesehen, deshalb glaube er nicht daran, aber er haette schon Zwergenschreie in der Nacht gehoert. Seine Aussagen interpretierte ich so, dass er angesichts fehlender empirischer Beweise die Existenz der Zwerge anzweifelt, sie hinsichtlich der potentiellen akustischen Indizien und des weitlaeufigen Glaubens aber nicht ausschliesst.
Mir selbst stellte ich nur noch die Frage, wie sehen diese Zwerge aus, eher wie deutsche Gartenzwerge, oder eher wie Gimli aus der "Der Herr der Ringe" oder eher wie Tolkiens' Hobbits, oder eher wie normale kleinwuechsige wie der in "Bruegge sehen und sterben", vor wem muss ich mich in Acht nehmen, sollte ich nachts im Regenwald unterwegs sein.... Fragen ueber Fragen fuer mein Wochenende, das vor allem eine Loesung praesentierte naemlich, dass die Toten Hosen recht hatten "Kein Alkohol ist auch keine Loesung".
Am Abend kam unsere neue Mitbewohnerin Mira mit ihren Gaesten von ihrer einwoechigen Reise zurueck und der Tag fand seinen Abschluss bei einem Bierchen im Jimmycom Spot. Der Abend gab mir Anlass mir einmal mehr Gedanken ueber die ghanaische Gesellschaft zu machen. Dieses Mal insbesondere der Aspekt der Homophobie, Ghana so wurde es mir erklaert sei ein zutiefst homophobes Land, was mir angesichts des Beobachtetens am Samstag doch reevaluationsbeduerftig erschien. Denn die jungen ghanaischen Maenner in der Bar tanzten ausschliesslich untereinander (was auch mit dem offensichtlichen Mangel an Frauen zusammenhaengen koennte, aber dessen haetten die Herren mit Sicherheit ohne grosse Probleme Ablass schaffen koennen) und zwar aeusserst lasziv. Der Mangel an Frauen erklaerte fuer mich auch nicht, warum die Maenner miteinander in gleicher Manier tanzten wie sie es mit Frauen getan haetten. Haette ich das mir dargebotene in einer deutschen Bar gesehen, so waere ich der Ueberzeugung gewesen in einer Schwulenbar zu sein. Allein der Gedanke einer Schwulenbar in Ghana ist jedoch abwegig, geradezu absurd; und eben darin liegt fuer mich die Erklaerung fuer das Verhalten der jungen Maenner, die so ungezwungen und koerperbetont miteinander tanzen. Keiner der jungen Maenner kaeme auf die Idee der andere sei homosexuell (wahrscheinlich kennt man sogar die Partnerin des anderen), die unbedingte Heterosexualitaet bildet vielmehr das Fundament ihrer taenzerischen Freiheit. Allen Tanzens zum Trotz fanden einige noch Gelegenheit vor allem Enrico aufgrund seines unguenstigen Sitzplatzes am Kopfende unseres Tisches unvermittelt und recht unverfroren nach Getraenken zu fragen. Ein wenig entnervt machten wir uns nach nicht allzu langer Zeit wieder auf den Heimweg um dort wohlverdienten Schlaf zu finden.
Am Ostersonntag folgten Bugs, Enrico und ich einer Einladung unseres Schuldirektors der Ankukrom-Schule in sein Heimatdorf, waehrend Mira ihre Gaeste ein letztes Mal an den Strand fuehrte. Vor dem Mittagessen sprach Bugs noch einmal die erhaltenen Geschenkpakete der Kinder an und der Direktor vermochte es mir persoenlich ein wenig Freude zu bereiten, als er sagte er sorge dafuer, dass die Kinder Dankesbriefe schrieben und er selbst auch dabei sei einen solchen zu verfassen. Die Fuehrung durch das Dorf im Anschluss an das Mittagessen gestaltete sich wie der gesamte Besuch sehr kurzweilig, denn nebst des durch neue Brunnen verdraengten ehemaligen Platz zum Wasserholen, gewannen wir einen Einblick in die Spielgewohnheiten der Zwerge. Von der Existenz dieser kleinen magischen Wesen scheinen bisher alle von mir befragten Ghanaer ueberzeugt zu sein. Die Zwerge geniessen aber einen eher zweifelhaften Ruf, denn mir wurde gesagt ich solle mich vor ihnen in Acht nehmen, schliesslich wolle ich nicht von einer Sekunde auf die andere an einen fremden, mir gaenzlich unbekannten Ort gezaubert werden. Gluecklicherweise ziehe ich es vor nachts zu schlafen und nicht durch den Regenwald zu wandern, sonst waere ich bestimmt schon Zwergen begegnet. Wie dem auch sei, nahe der Grundschule, die unser Direktor in seiner Kindheit besucht hatte, steht naechst eines von eben jenem gepflanzten Mangobaums, ein weiterer alter Baum zu dessen Fuessen eine handvoll grosser, massiver Steine liegen. Auf welchen deutliche Vertiefungen zu sehen sind, so ebenmaessig und formvollendet, wie von Zauberhand (oder doch eher Zwergenhand?) geschaffen. So zumindest die Erklaerung unseres Gastgebers, der uns versicherte die Zwerge spielten dort in der Nacht ein in Ghana beliebtes Spiel mit Murmeln. Das Schmunzeln des Direktors liess mich nicht erschliessen, ob er selbst nicht an die Zwerge glaube oder ueber unsere Unglaeubigkeit ein wenig laecheln musste. Waren wir zu Beginn der Dorffuehrung nur in Begleitung unseres aufmerksamen Gastgebers, so aenderte sich das bald und es gesellten sich alte Schulfreunde des Direktors, so wie der Sohn des lokalen Chiefs hinzu, so dass wir schnell drei zusaetzliche Begleiter gefunden hatten. Dabei mag vor allem die Aussicht auf Akpeteshie sich positiv auf die Maenner ausgewirkt haben. Im Hinblick darauf, dass wir Mira noch keinen Haustuerschluessel anvertraut hatten, verliessen wir am spaeten Nachmittag unseren mittlerweile durch alte Schulgeschichten aufs Beste unterhaltenen Gastgeber und kehrten nach Ajumako zurueck.
Der Ostermontag stellte die Wende dar. Das fliessende Wasser kehrte zurueck und beendete unsere ganz persoenliche Trockenzeit, und das mit ueberzeugendem Timing, denn ich hatte nur noch zwei frische Boxershorts. Gerade noch einmal gut gegangen. Ansonsten verbrachten wir einen geruhsamen Montag zu dritt, denn Mira hatte sich frueh morgens mit ihren beiden Gaesten (von denen zumindest eine versprach kuenftig den Blog zu lesen, aber als Studentin hat man ja bestimmt genug Zeit :D) nach Accra begeben um sie zum Flughafen zu bringen.
Am Dienstag stellten wir unsere Kids Club Teilnehmer in Ankukrom vor die Aufgabe sich ihren Schulalltag einmal genau vorzustellen und uns nennenswerte Momente aufzulisten. Auf unsere Anweisung hin nahmen die Kinder dann entsprechende Positionen ein und stellten die zuvor genannten Momente nach. Die davon gemachten Aufnahmen werden wir dann auf Poster aufkleben, mit entsprechenden Schriftzuegen versehen und im Klassenzimmer anbringen. Lediglich, dass meine Kamera vom Tisch fiel und kaputt ging, truebte meine Laune ein wenig. Meine am Abend zuvor begonnene Erkaeltung wollte sich wider Erwarten nicht bessern, sondern wurde im Gegenteil im Laufe des Tages immer schlimmer, so dass ich mich nach dem Abendessen mit Kopfschmerzen und Fieber direkt ins Bett begab und dort fuer mehr als 12 Stunden blieb.
Am Mittwochnachmittag verbrachte ich ausgeschlafen und verhaeltnismaessig fit mit meinen Kollegen einen sehr lustigen Kids Club in Abowinum, wo wir mit unseren Kindern Bingo spielten. Paedagogisch wertvoll hatten wir das Bingo-Spiel modifiziert, so dass es nicht um Zahlen, sondern englische Begriffe und Objekte ging. Mal mussten die Kinder es nur akkustisch verstehen, mal mussten sie es von der Tafel lesen, mal durch einen umschreibenden Satz erkennen welcher Begriff gesucht war und mal aus einer mehr oder weniger kohaerenten Geschichte die Begriffe herausfiltern. Bei allem Spass den wir dabei hatten, sollte der Donnerstag das allerdings noch um einiges ueberbieten.
Donnerstags hatten wir uns eine Besonderheit fuer unseren Youth Club ausgedacht und zwar eine kleine Olympiade mit noch nie gesehenen Disziplinen. Eroeffnet wurden die Spiele durch Staffellaeufe (Huckepack und Schubkarre stachen die dritte Laufdisziplin des eingeklemmten Balls zwischen zwei Ruecken deutlich aus). Den Staffellaeufen folgte bei den Maennern das Lattenschiessen, waehrend die Frauen es mit Lattenwerfen versuchen durften. Im Anschluss daran ging es ans Gruppenseilspringen, wo einige Teilnehmer der Turnierleitung gegenueber Beschwerde aufgrund heisser Fuesse einlegten, da jedoch keine Wettbewerbsverzerrung vorlag wurde dieser nicht stattgegeben. Die vierte Aufgabe erforderte ein ruhiges Haendchen, scharfe Augen, gute Nerven und ein wenig Wurfkraft: Dosenwerfen (in Ermangelung von Dosen hatten wir kleine 0,5 l Kunststoffflaschen zur Hand genommen). Dabei lieferte Omane uns allen unfreiwillig das Highlight des Tages, indem er beim Versuch mit dem Baseball eine der neun Flaschen zu treffen mit einiger Wucht den Ball an eine Kante warf, von welcher der Ball direkt zurueck an seine Stirn prallte. Unverletzt nur sichtlich verdutzt, konnte er unser aller (Organisatoren wie Athleten) Gelaechter ohne Zweifel nachvollziehen und musste selbst ein wenig grinsen. Die naechste Herausforderung war das Elfmeterschiessen, was wiederum nach Geschlechtern getrennt ablief. Die fuenfte Disziplin war das Bowling, was Gelegenheit gab sich ein wenig zu sammeln und fuer die letzten zwei Schwierigkeiten zu kraeftigen. Die vorletzte Disziplin forderte die Athleten auf besondere Weise, denn es galt aus dem Handstand heraus per Strohhalm so schnell wie moeglich eine vorgegebene Menge Wasser aus einem Becher zu trinken. Allen Beteuerung zum Trotz sie seien dazu nicht im Stande, wagten sich im Endeffekt alle Sportler an die Aufgabe. Die abschliessende Aufgabe legte sich wie folgt dar: Der Athlet sollte sich 20 mal schnell um einen kleinen Stock drehen und danach auf vorgelegter Linie so weit wie moeglich gerade aus laufen. Nachdem bereits die erste Athletin nach zehn Umdrehungen dem Vertigo nachzugeben hatte, entschloss sich die Turnierleitung auch auf vehementes Draengen der restlichen Athleten hin die Umdrehungszahl auf 15 zu begrenzen. Unabhaengig davon drehten sich die Sportler ein wenig langsam, was ihnen aber auch nicht weiterhalf, mehr als vier Meter ging keiner gerade aus. Ein wenig unglaeubig angesichts solch schwacher Ergebnisse, spuerte ich ein grosses Verlangen es selbst auszuprobieren und drehte mich so schnell wie keiner unser Teilnehmer 15 mal um den Stock und versuchte danach gerade aus zu laufen, ich schaffte keine zwei Schritte und nur helfende Haende verhinderten einen Sturz. Aber Spass hat's trotzdem nicht nur mir gemacht. War nach Beendigung des Drehens bei den Frauen das Klassement eindeutig und die drei ersten Plaetze klar verteilt, mussten zwei Maenner ein entscheidendes Spiel um den Sieg antreten. Es kam also zum finalen "Starrkampf" die beiden Athleten sassen sich gegenueber und wer zuerst anfing zu lachen, laecheln oder den Blick abzuwenden hatte verloren. Den kroenenden Abschluss eines spassgeladenen Nachmittags bildete die Siegerehrung mit unseren gebastelten Medaillen fuer unsere Sieger.
Der Freitag stand dann im Zeichen einer echten Sportart, naemlich Fussball. Fuer die Uebergabe der von Bugs' altem Verein gespendeten Trikots (vor ca. drei Wochen) waren zwei weitere Schulen eingeladen worden, eine der beiden war fuer diesen Freitag als Gastgeber eines weiteren Turniers auserwaehlt worden. Vorgesehen war es, dass die Schueler sich nach den Examen gemeinsam mit den Lehrern zur anderen Schule begeben sollten. Durch unseren Direktor jedoch erfuhren wir, dass die gastgebende Schule die Examensfragen verspaetet erhalten hatten, weshalb das Turnier auf ein anderes Datum verschoben werden musste. Da den Schuelern aber Fussball versprochen worden war und Unterricht nicht eingeplant war, wurde kurzer Hand ein Spiel zwischen Primary und Junior High organisiert. Wirkte das vielleicht auf den ersten Blick ungerecht, so relativierte sich das schnell, denn zwei Lehrer so wie Bugs und Enrico spielten in den Reihen der Grundschueler und leisteten beide mit je einem Treffer ihren Beitrag zum verdienten Sieg der Grundschueler.
Auch ich haette meine Schuhe fuer die Primary schnueren sollen, aber meine Erkaeltung liess das noch nicht zu, so dass ich an der Seitenlinie die Gelegenheit nutzte um mich beim Direktor noch einmal nach den Zwergen zu erkundigen. Auf meine Nachfrage, ob er persoenlich an die Existenz von Zwergen glaube, erwiderte er zaghaft verneinend, denn er habe selbst noch keine Zwerge gesehen, deshalb glaube er nicht daran, aber er haette schon Zwergenschreie in der Nacht gehoert. Seine Aussagen interpretierte ich so, dass er angesichts fehlender empirischer Beweise die Existenz der Zwerge anzweifelt, sie hinsichtlich der potentiellen akustischen Indizien und des weitlaeufigen Glaubens aber nicht ausschliesst.
Mir selbst stellte ich nur noch die Frage, wie sehen diese Zwerge aus, eher wie deutsche Gartenzwerge, oder eher wie Gimli aus der "Der Herr der Ringe" oder eher wie Tolkiens' Hobbits, oder eher wie normale kleinwuechsige wie der in "Bruegge sehen und sterben", vor wem muss ich mich in Acht nehmen, sollte ich nachts im Regenwald unterwegs sein.... Fragen ueber Fragen fuer mein Wochenende, das vor allem eine Loesung praesentierte naemlich, dass die Toten Hosen recht hatten "Kein Alkohol ist auch keine Loesung".
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